Tocotronic und die kranken Männer

Wer derzeit von der Sexismus-Debatte auf den gesellschaftlichen Stand der Aufklärung schließen will, kann eigentlich nur verzweifeln. Wie soll man auch von „vernünftigen Verhältnissen“ sprechen, wenn so vielen Männern jegliches Abstraktionsvermögen von sich und der Ordnung, in der sie leben, fehlt? So hörte man einige dieser Primaten allen Ernstes fragen, wie denn nach dem #Aufschrei die Geschlechter bei all ihren „natürlichen“ Differenzen überhaupt jemals konfliktfrei zusammenleben könnten – aka: Männer sind nun mal privilegierte Arschlöcher, deal with it.

Man könnte diese Frage um zahlreiche Texte und Zitate ergänzen, die zeigen, dass vielen (und es waren erschreckend viele) bestimmte menschliche Vermögen völlig fremd sind. Denn mit Vernunft ausgestattete Wesen könnten sehr wohl von diesen Identitätskategorien abstrahieren. Sie könnten sich sogar so weit wie möglich von ihnen abstoßen. Wenn sie dazu Musik machen, spricht man von gelingender Popkultur, in der man „sich selbst verliert“, wie es so schön heißt (und wie es Frank Apunkt Schneider im vergangenen Jahr hier vorgetragen hat). Im Folgenden ein kurzer Ausflug in das tocotronische Märchenland des Identitätsverrats.

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Die letzte Tinte sparen

Wie man sich des Projekts der Inversion im Digitalen annimmt:

75.000 Soldaten, mehrere Dutzend Panzer, etliche F-16 und Seekräfte – Die Israelis bereiten wohl einen Genozid der Palästinenser vor. #gaza
@jensbest
jensbest



@ Ja, 64 Jahre haben sie gebraucht und nun bist Du der erste Warner. Danke schön.
@ChristophKappes
Christoph Kappes



@ Ich finde sie machen das die letzten Jahrzehnte ganz geschickt mit der langsamen strategischen Ausrottung.
@jensbest
jensbest



@ 2002 wurde das Israelische Apartheidsregime zuletzt von der UNO ermahnt. Bald (>29.11.) wird es vorm IGH verklagt werden.
@jensbest
jensbest



@ der monatelange Raketenbeschuss aus Gaza ist aber auch echt rattig. Kein Wunder, wenn keiner mehr die Paläst. unterstützen will.
@mickyroth
Michael Roth (Micky)



@ diese jahrzehntelange Unterdrückung und Besatzung ist aber auch echt rattig. Kein Wunder, wenn keiner mehr den Israelis glaubt.
@jensbest
jensbest

Wir Wohlstandssozialisten

Eine Demo bringt nur unwesentlich mehr als die Marx-Lektüre. Besser wäre es, zu streiken und Fabriken zu besetzen. Aber seit der Finanzkrise bringt auch das nichts mehr, meint Pohrt. (Foto: Hen_son / flickr CC)

Wolfgang Pohrt rechnete am Wochenende in Berlin gleich zwei Mal mit jeder Kapitalismuskritik ab. Die Zuhörer betranken sich dabei. Was kann es schöneres geben?

Egal, wo er hingeht und worüber er redet, jedes Mal tritt Wolfgang Pohrt seinem Publikum genüsslich eine vors Schienbein. Und das ist einfach schön mit anzuschauen. So war es am Samstag in der Volksbühne. Und am Sonntag in der „Interventionsschankwirtschaft“ Laidak. In jener Kneipe hatte er bereits vor drei Monaten sein neues Buch „Kapitalismus Forever“ vorgestellt und dabei jedem Marx-Leser eine mitgegeben: Wenn die Menschen auf die Straße gingen, dann nie, weil sie Marx gelesen, sondern weil sie die Schnauze voll gehabt hätten. Und überhaupt: Was wäre der Kapitalismuskritker ohne den Kapitalismus? Nichts! Das einzige, was die letzten 40 Jahre Kritik dem konkret-Herausgeber Hermann Gremliza gebracht hätten, sei ein eineinhalb-stündiges Gespräch im Deutschlandfunk gewesen. Und Wolfgang Pohrt nun immerhin schon den zweiten Auftritt im Laidak.

Die meisten Kneipengänger freut so eine Haltung natürlich. Haben sie sich doch wieder einmal vergewissern können, dass jeder Versuch, die Welt zu verstehen – geschweige denn, sie zu verändern – ohnehin verschwendete Energie ist, die man genauso gut in die nächste Runde Bier investieren kann. Beim Volksbühnen-Besucher war die Reaktion dieses Mal ein wenig heftiger: Was Pohrt hier liefere, sei keine Analyse, sondern „Journalismus – feuilletonistisches Geschwätz, das genauso gut im Feuilleton der FAZ stehen kann.“ Aber der Reihe nach.

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Dialektik Rises? Zwei Briefe an Chris Nolan

Acht Jahre hat Bruce Wayne keinen Menschen mehr gesehen, humpelt nur noch durch den Ostflügel seiner Villa. Dann kommt Catwoman. Was das mit Hegel zu tun hat? Und wieso in Christopher Nolans Filmen immer die gleichen Langweiler mitspielen? Zwei Briefe (mit Spoilern)

Respekt, Chris,

mit so viel Pathos hat schon lange keiner mehr die Hegel-Keule geschwungen. Aber mal im Ernst: Drei Teile, knapp 600 Millionen Dollar, für eine Holzhammer-Dialektik, die dann beim Fernet-Branca in Florenz aufgelöst wird? Geht’s auch ein bisschen weniger? Allein diese blaue Blume im ersten Teil… der entfremdete Bruce, der in die Welt zieht, um seine Angst zu besiegen, puh… „Wo gehst du hin?“ wurde der erste Blaublumensucher von Novalis mal gefragt – und antwortete: „Immer nach Hause“. Und so eiert nun auch der fiese Aggro-Yupie Bruce Wayne seit Jahren durch die Welt und Gotham. Und was sein zu Hause ist, das wissen wir ja nun. Prost.

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Durch die Nacht mit Doctorella

Es folgt eine kurze Hymne auf die Band Doctorella. Seitdem ich am Freitag auf ihrer Record Release Party war höre ich ihr erstes Album „Drogen und Psychologen“. So etwas schönes gab es in diesem Jahr noch nicht. Und das hat einen einfachen Grund: Hier gelingt endlich einmal wieder, was bei all den Kapitulations- und Depressionsszenarien im deutschen Diskurspop ein wenig untergegangen ist: Dass nämlich in der richtig guten Musik nicht nur die unerfüllten Bedürfnisse anklingen sollten, sondern auch eine bessere Welt fühlbar wird – zumindest für einen Moment.

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Zum Nachhören: Kritische Theorie und Emanzipation

Foto: photography.andreas, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Inzwischen sind alle Vorträge der Bielefelder Tagung „Kritische Theorie und Emanzipation“ von vergangenem November hochgeladen und freuen sich über Hörer_innen. Als da wären:

Ziel kritischer Theorie ist es übrigens, wie auf der Tagungsseite nachzulesen, „Leben und Denken im bewussten Widerspruch zu organisieren. Kurz: Weder sich von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen (Theodor W. Adorno).“

Emile

In der Natur sind die Bedüfniswelten noch klar: Die Animation Who I Am and What I Want zeigt, wie es sein könnte. (via)

Überall, nur nicht hier

Foto: Pedro Vezini, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Wenn es statt „Wofür lebst du eigentlich?“ nur noch „Wovon lebst du eigentlich?“ heißt: Die Zeitschrift „Testcard“ fragt in ihrer aktuellen Ausgabe nach den Überlebensmöglichkeiten der Popkritik.

Am schönsten hat es David Mackenzie in seinem Film „Perfect Sense“ veranschaulicht. Um zu zeigen, wie „Überleben“ funktioniert, braucht er nicht einmal Zombies, erst recht keine ineinander fallenden Planeten. In „Perfect Sense“ verlieren die Menschen nach und nach all ihre Sinne. Trotzdem geht ihr Leben immer irgendwie weiter: Können sie nicht mehr riechen, würzen sie ihr Essen um ein Vielfaches. Können sie nicht mehr hören, pressen sie ihre Ohren dicht an die Musikboxen. Vielleicht schmecken sie ja doch noch etwas, vielleicht fühlen sie wenigstens, wie die Vibrationen der Musik den eigenen Körper treffen.

Gegen Ende verlieren Ewan McGregor und Eva Green dann ihr Augenlicht, während sie aufeinander zugehen. Sie schaffen es gerade noch, sich aneinander festzuhalten. Eine Stimme aus dem Off sagt: „Wenn sie jetzt jemand sehen würde, sähen sie aus wie ein normales Liebespaar. Sie wissen alles, was sie wissen müssen – selbstvergessen gegenüber der Welt um sie herum. Nur so geht das Leben weiter.“

Im Überlebensmodus ist die Welt um uns herum nur noch ein Störfaktor. Ob nun in Zombie-, Katastrophenfilmen oder sonstigen Weltuntergangszenarien – selten hatte der Kampf ums Überleben einen so prominenten Platz in der Popkultur wie heute. Dabei geht es nur scheinbar immer ums Ganze: Im Grunde geht es immer nur darum, selbst irgendwie über die Runden zu kommen: die volle Dröhnung Nichts.

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Occupy Melville

Ob in Moby Dick, Bartleby oder Billy Budd – immer fragt Herman Melville nach den Handlungsmöglichkeiten in der totalen Gesellschaft. Welches Modell brauchen wir heute?

Als die Berliner Volksbühne jüngst eine Moby-Dick-Nacht veranstaltete, interessierte das kein Schwein. Dabei war viel geboten: Es gab einen Vorlesemarathon, im Hintergrund lief die Film-Adaption von John Houston, im Foyer und in den Gängen des Theaters vermischten sich Gelehrten-Kommentare und Interpretationen mit E-Gitarren. Sie war ein lauter, aber auch ein liebloser und leerer Walfänger, diese Volksbühne. Als könne zum 160. Geburtstag des Romans keiner mehr was mit Moby Dick anfangen.

„Es ist nur ein Wal“, sagt auch Kapitän Ahab aka William Hurt in der Neu-Verfilmung, die RTL kürzlich ausstrahlte. Alles, was hier vom metaphysisch aufgeladenen Schinken bleibt, ist das Abenteuer eines naiv-glotzenden Jünglings namens Ismael. Wobei – wen interessieren auch Hunderte von Seiten über Schiffsknoten und Walfanggeschichte? Wer wollte das lesen oder gar anschauen?

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I tried to dance

… and I failed. Schön morbide Animation  für die dunkle Jahreszeit. (via)