Mehr Licht!

Peter Licht

„Love is when we can say that we have the sky, and the sky has nothing“, lautet ein Kommentar von Alain Badiou zum Werk Samuel Becketts, der auch zu Peter Licht passen würde: „Räume räumen“ ist ein Lied, das ein gefühltes Universum beherbergt, mit einer Klaviermelodie unterlegt, verneint, und dann „in weiter Ferne lauter Licht“ verspricht. In den letzten Tagen konnte man nun vereinzelt Kinder beobachten, die den Himmel über Berlin in kleine Laternen packten und damit durch die Straßen stolperten. Alles schön. Und dann beginnt Peter Licht den Abend im Deutschen Theater – drei Tage nach dem gesamtdeutschen Freiheits-Rausch – mit den Worten: „Wir singen die Freiheit“. Muss das sein?

Seit dem Erscheinen seines letzten Albums „Melancholie und Gesellschaft“ hat er Theaterstücke inszeniert und ein kleines wunderschönes Büchlein mit dem Titel „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ geschrieben; nur über dessen Schluss könnte man sich streiten. Trotz seiner theatrealen Dauerpräsenz ist der gebürtige Kölner immer noch erstaunlich kammerascheu. Sofern er ein rotes Licht im Publikum blinken sieht, bittet darum, die dazugehörige Kamera abzustellen – „iTunes kenn ich auch“.

Auf der Bühne platziert er sich ganz links am Rand. Er trägt eine graue Hose, die zu locker sitzt und nach jedem zweiten Lied neu justiert werden will. Dazu ein eierschalenfarbenes Hemd und eine bernsteinfarbene Architektenbrille. Sein Haupthaar lichtet sich bereits. Er ist gefühlte drei Gitarrenbreiten lang. Man würde ihn nicht ernst nehmen, würde er nicht auf der Bühne stehen. Zumindest scheint es seinen Band-Kollegen so zu gehen – sie grinsen ihn zwischen den Akkorden erwartungsvoll an, seinen Text hat er heute bereits mehrmals vergessen. Texte, die dann am besten sind, wenn sie leise gesungen werden, denn Peter Licht kann nicht sonderlich gut singen – wird es laut oder höher, braucht er die Unterstützung seiner Kollegen.

So singt er von einem Riesen, dem „Aufbruch in ein neues Leben“, dem er sich durch die Wand entgegen werfen will – und man kann sich bildlich vorstellen wie oft er sich vergeblich gegen die Mauern seiner Sehnsucht gestemmt hat. Und selbst wenn Peter nicht mehr weiter weiß und sich Hilfe suchend in der Gegend umsieht, lassen ihn seine Kollegen – bis er die Worte wieder findet: „Irgendetwas möge die Zentrifuge verlassen“ und dann: „Freunde vom leidenden Leben, was könnten wir anderes sein als frei?“ Und jeder im Saal weiß, was gemeint ist. Die Freiheit zu Leiden, diese cogito-Zentrifuge, die sich immer weiter zu drehen scheint – und dann, endlich, wirft man sich durch die Wand und genießt diesen einen „Tag am Pool – cool.“ Zwei Stunden, ein Theaterstück, und es funktioniert. Erst bei der Zugabe „Wettentspannen“ steht ein Dutzend Leute auf und versucht dazu im Takt hin und her zu wippen.

Man hat eine ganze Bandbreite an Gefühlen durchlebt an diesem Abend. Nur auf den schönsten Rausschmeißer-Song hat er verzichtet – obwohl „Räume räumen“ als letzte Zugabe auf der Setlist stand. Wahrscheinlich war ihm der Texte an diesem Abend einfach zu lang. Und so belässt er es bei einem „Kommt gut nach Hause“. Egal wohin, es geht weiter – auch ohne Text.

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