Negri und die Wiederbelebung eines Gespenstes

Foto: karnal panic

Foto: karnal panic, Lizenz: BY-NC-ND

Bereits am Freitag Abend sprach der italienische Politikwissenschaftler Antonio Negri an der HU zu Studierenden, bevor diese vor das Hotel Adlon zogen, um das von der SZ-veranstaltete „Führungstreffen Wirtschaft“ zu stören. Negri hatte den Beginn einer neuen globalen Protestbewegung von Seattle bis Genua ausgerufen. Am nächsten Tag versammelte sich nun erneut ein Haufen Leute um Negri zu hören – die Volksbühne hatte zum Theorieabend geladen. Sogar Journalisten mussten draußen bleiben – so viele folgten dem Ruf.

Das Thema lautete: „Ein Gespenst kehrt zurück – Der Bruch mit dem traditionellen Marxismus in Italien und Frankreich“. Dennoch saßen auch einige Aktivisten von gestern Abend im Publikum, um zu hören, wie es weiter gehen könnte. Dann betritt der relativ unscheinbar wirkende Italiener das Podium, klemmt sich seine Fernsicht-Brille über die Augenbrauen und beginnt den italienischen Operaismsmus zu charakterisieren.

Damals seien sie auf der Suche nach einem starken Subjekt gewesen, erzählt Negri. Jenes politische Subjekt, das der Strukturalismus dann für tot erklärte. Erst Michel Foucault, und in der Folge Gilles Deleuze, hätten es mit der Wende zur Biopolitik wieder aus der Versenkung geholt. „Von nun an gibt es kein außen und kein innen mehr – überall ist Klassenkampf“, so zumindest übersetzt Dolmetscherin Nummer 3. Negri redet so schnell, dass sie sich teilweise während eines Satzes ablösen müssen. Dazu gestikuliert er, hebt die Hände, dreht wie an einem Schraubstock hin und her, boxt in die Luft.

In diesem neuen „Feld der Immanenz“, so Negri weiter, ist der Einzelne nicht mehr isoliert zu denken, sondern nur noch als „multitudo“, als Menge. Durch Widerstand könne sich schließlich ein neues politisches Subjekt formieren. Klassenkampf sei dabei keine Sache der Arbeiterklasse allein, sondern eine „Praxis der Bewegung“.  Nur so ließen sich die partikularen, zersplitterten Identitäten wieder zusammenführen.

Diese Bewegungen, schließt Negri nach einer dreiviertel Stunde, hätten ihren Weg gerade erst begonnen. Egal wie, sie müssten in Zukunft an die Geschichte der Arbeiterbewegung anknüpfen: „Denn die Kapitalisten haben Angst vor der Geschichte der Arbeiter. Sie haben keine Angst vor einer linken Partei im Parlament!“ Und den Kapitalisten müsse man Angst machen: „Es wird Zeit, dass ein neues Gespenst wieder aufersteht – das Gespenst der Arbeiterbewegung.“

Aber ist es heute nicht eher so, dass die Einzelnen eher an ihrem Schicksal leiden als dass sie sich als Teil eines politischen Subjekts, als „multitudo“, begreifen? so die erste Frage. Endlich scheint Negri befreit von seinem Manuskript; er antwortet schneller und lauter, es sieht aus, als würde er einen Faustkampf simulieren und trifft fast seinen Tischnachbar mit der linken Hand: „Heute bräuchten wir Sovjets, die Banken überfallen und die Finanzsteuerung angreifen. Damals haben wir die Fabrikarbeit gehasst, wir wollten diese Arbeit nicht, wir wollten unsere Kinder in die Schule schicken, und dass sie ein intellektuelles Leben führen können. Wir wollten uns nicht kaputt machen, sondern nach Hause und mit unseren Frauen schlafen!“ Ein Schlusswort, und für den Moderator eine „schöne Überleitung zum gemütlichen Teil des Abends“.

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