Blogging about the Revolution

Während Twitter grün leuchtet, färben sich die Straßen im Iran rot. Mit 15 Toten war es die blutigste Nacht seit Beginn der Proteste im Juni. Über tausend Tweets pro Minute rauschten am Sonntag mit dem Hashtag #iranelection durch die Leitungen, und immer häufiger konnte man Nachrichten wie diese lesen: „Force is the only thing this regime understands. So: lets dismantle this system“. Seitdem sind 1500 Menschen festgenommen worden. Die Protestwelle, die sich seit den Wahlen im Juni durch das Land zieht, scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein. „Die islamische Republik taumelt ihrem Ende entgegen“, titelt Zeit-Online. Doch das Regime taumelt nicht, es wird getrieben. Von einer Protestbewegung, die so eng mit dem Netz verbunden ist, wie keine andere zuvor. Doch wo liegen die Hintergründe für die Entwicklung im Iran, und was lässt sich darüber hinaus über die Verbindung von Protestbewegung und Internet sagen? Ein Rück- und ein Ausblick.

Die jüngsten Proteste begannen am 7. Dezember. Erneut jährte sich der Tod dreier Teheraner Studenten, die 1953 gegen den Besuch des damaligen US-Präsidenten Nixon protestiert hatten. An jenem Montag wurden 500 Kurznachrichten pro Minute mit dem Kürzel #16Azar und #iranelection – das meistgenutzte Twitter-Hashtag des Jahres 2009 – verschickt.  Ebensoviele Kurznachtrichten waren es am Montag letzter Woche, als aus der Beerdigung des Großayatollahs Hosein Ali Montazeri erneut ein Schaulaufen der Protestierenden wurde. Seit gestern sind es nun doppelt so viele Meldungen.

Bereits im Juni, nach den turbulenten Ereignissen rund um die Präsidentschaftswahlen, war schnell der Microblogging-Dienst Twitter als Motor der Protestbewegung ausgemacht. „Tear Gas and Twitter“ titelte CNN, „Twitter ist ihr Nachrichtendienst, Youtube ihr Fernsehsender“ Zeit-Online. Und immer wenn die Auslandskorrespondenten der Rundfunkanstalten in Teheran Ausgangssperre haben, schafft es ihr Bildmaterial über die „Tagesschau“ auch in unsere Fernsehsender. Dabei trifft die iranische Regierung immer wieder die üblichen Vorkehrungen: Die Handynetze werden abgeschaltet und die Internetgeschwindigkeit auf ein Minimum reduziert – ein idealer Nährboden für den Boom des Kurznachrichtendienstes Twitter. Denn das iranische Regime versucht zwar, das Internet über die hauseigene „Telecomunication Company of Iran“ lahm zu legen. Aber 140 Zeichen finden immer irgendeinen Weg – über spezielle Proxiserver zum Beispiel. Alle paar Stunden kursieren dazu Tweets mit entsprechenden Hinweisen. Sonst herrscht die große Unübersichtlichkeit. Es ist nur ein bruchstückhaftes Bild, das man bei dem Verfolgen der Geschehnisse auf Twitter erhält.

So zum Beispiel am 7. Dezember: Statusmeldungen werden durchgegeben und weitergeleitet, sowie Unterstützungsbitten – kommt hier hin, kommt dorthin. Die, die nicht auf der Straße sind, werden gebeten, Sandwiches und Wasser bereit zu stellen. Meldungen über heftige Auseinandersetzungen folgen hoffnungsvolle Beobachtungen: „Eine historische Nacht“ schreibt ein Nutzer, weil irgendwo Polizisten aufgehört haben gegen die Studenten vorzugehen und mit ihnen am Straßenrand einen kurzen Plausch halten. Dann folgt wieder Ernüchterung – auch darüber, dass sich an diesem Tag kein Politiker traute, mit ihnen auf die Straße zu gehen. Permanent werden neue Handy-Videos auf Youtube geladen und die Links herumgeschickt. Ihre Bilder und Videos sind Nachrichtenquelle Nummer Eins und stellen die größte Gefahr für das iranische Regime dar.

Die iranische Blogosphäre

Denn am meisten Angst hat die Regierung vor der eigenen Bevölkerung. So lautete auch der Tenor einer Lesung iransicher Blogs, die das Ballhaus in der Kreuzberger Naunystraße im Rahmen ihres Dezember-Programms „Happy Revolution. Views on iran. 30 years later“ veranstaltete. Denn seitdem der „Blogfather“ Hossein Derakhshan 2001 die erste persische Anleitung zum Bloggen ins Netz gestellt hat, ist der Iran das Blogger-Land schlechthin. Es wird über alles geschrieben: „Wieviele Jahre verbrachte ich damit, Anna Kareninas Ehebruch zu verdauen“, fragt sich eine junge Iranerin. Das Bedürfnis nach dem Ausleben des Innenlebens ist im Iran enorm, das Internet wird zum Forum des freien Gedankens: „Ich schreibe, damit mich meine Verzweiflung nicht überwältigt.“

Die hochgebildete Jugend im Iran lebt ihr zweites Leben im Netz – und wandelt dabei auf einem schmalen Grad. Im Juni hatten Revolutionsgarden die Demonstrationen niedergeschlagen, 4000 Menschen wurden festgenommen, mehrere Dutzend wurden getötet und acht Menschen hingerichtet. Dennoch: Die Politisierung weiter Teile der iranischen Blogosphäre ist zu einem großen Teil eine Folge der Wahlen im Juni: „Wir hätten alles akzeptiert – so lange nur Ahmadinedschad nicht mehr Präsident gewesen wäre“, so eine weitere Blogger-Stimme. Spätestens seit der scheinbar gefälschten Wahl wurde es ein Kampf mit offenem Visier, der die grüne Protestbewegung weltweit bekannt machte. „Je mehr sie uns brechen wollten, desto stärker haben sie uns gemacht“ – ein gängige Stimmung, die auch die Autorin des 2005 erschienenen Buches „We are Iran. The Persian Blogs“, Nasrin Alavi, in dem Artikel „Die Kinder der Revolution“
über die iranische Blogosphäre aufnimmt: „Was auch immer diese Wahl gewesen sein mag, sie hat uns groß und euch klein gemacht.“, zitiert sie einen Blogger. Blogs und Twittermeldungen seien mittlerweile zur unverzichtbaren Informationsquelle des Widerstandes geworden, und Grund für eine weltweite Solidaritätskampagne.

Von der Sympathie zur Empathie

Auch wenn man diese Entwicklung skeptischer betrachtet, den Twitter-Boom Im Iran gar als „Mythos westlicher Medien“ beschreibt, eine zentraler Punkt findet sich in allen Analysen. Der wird von einem iranischen Blogger wie folgt beschrieben: „Die Opfer im Iran sind keine Zahlen mehr, sondern Gesichter. Und an diese wird man sich erinnern.“ Damit meint er den Tod der Studentin Neda, die zum Symbol der Protestbewegung wurde – und damit Person des Jahres der Times. Ihr Tod habe den letzten Rest an Legitimität des iranischen Regimes zerstört. Ihr Gesicht ziert zahlreiche Twitter-Accounts und auch heute noch schreibt ein Protestler dazu: „The Western media didn’t get it. The „tipping point“ was the murder of Neda.“

Entscheidend ist dabei eine Transformation im Effekt der Mediennutzung, den der Mediengruru Clay Shirky von der New York Univerity in einem Interview zu den Protesten im Juni mit dem Wechsel von „Sympathie“ zur „Empathie“ beschreibt: „Traditional media operates as source of information not as a means of coordination. It can’t do more than make us sympathize. Twitter makes us empathize. It makes us part of it. Even if it’s just retweeting, you’re aiding the goal that dissidents have always sought: the awareness that the outside world is paying attention is really valuable.“

Hier liegt auch der Kern des jüngsten Forschungsschwerpunktes der Philosophin Judith Butler. In ihrem Buch „Krieg und Affekt“ beschreibt sie genau dieses grenzübergreifende Potential von Bildern – und die Hoffnung auf Veränderung, die damit verbunden sind. Vielleicht liegt darin das große Potential der Vernetzung. Doch das Re-Tweeten von Meldungen kann dabei nicht alles sein: „So tired of tweeting, sending the news w/o letting myself feeling or understanding them…“, schrieb gestern eine Iranerin. Zudem ist der Sympathiepool der Welt begrenzt: Dem Westen war der Tod Michael Jacksons nach kurzer Zeit wichtiger als die Bewegung im Iran. Es bleibt abzuwarten, wie es dieses Mal sein wird.

Die anderen lesen mit

Es ist nicht alles grün was twittert. Im Februar 2009 wurde Facebook im Iran offiziell zugänglich gemacht. Bis dahin hatte die iranische Regierung ein chinesisches Seitenfiltersystem im Einsatz, das unerwünschte Seiten blockierte. Das Regime schien damit zumindest einen Schein von Öffentlichkeit aufkommen lassen zu wollen, um die jungen Erwachsenen zur Wahl zu bewegen. Vielleicht erhoffte man sich dadurch auch eine wirksamere Kontrolle der Aktivitäten der Opposition. Schließlich folgten Verhaftungen und Hinrichtungen von Bloggern. Im Mai diesen Jahres wurde Facebook dann wieder vollständig gesperrt – allerdings nur für drei Tage; eine Politik der Zuckerbrot und Peitsche. Es scheint jedoch so, als habe sich mittlerweile folgende Erkenntnis durchgesetzt: Die Gefahr für das Regime ist größer, wenn diese Seiten vollständig gesperrt sind. Denn sofern online keine Möglichkeit mehr besteht, den eigenen Unmut zu äußern, könnte sich der Protest noch stärker auf die Straße schlagen.

Wird das Internet so zum Steigbügelhalter für Ahmadinedschad? Wohl kaum. Denn seit dem 7. Dezember setzen die Hardliner wieder verstärkt auf Zensur und machen dabei nicht einmal mehr vor konservativen Kreisen halt. Gleichzeitig versuchte das Regime wieder verstärkt über ihr Atom-Programm wahrgenommen zu werden. Vielleicht war es da bereits zu spät. Die Protestierenden ließen sich von den zu erwartenden Repressionen nicht mehr abschrecken; sie schrieben und berichteten weiter. Und das, obwohl Verhafteten Ausdrucke ihrer gesamten Blogeinträge zum Beweis ihres „Verrats“ vorgelegt werden. Denn jeder kann mitlesen.

Diese Einsicht ist mittlerweile auch in anderen Teilen der Welt angkommen. Democracy.now hatte im Oktober von der ersten Verhaftung wegen der Nutzung von Twitter berichtet: Während der G20-Proteste in Pittsburg wurde eine Person angeklagt – weil er über Twitter Informationen über den Standort von Einsatzkräften weitergab. Einige Protestierende konnten sich so der Verhaftung entziehen. Die Meldung wurde zwar einen Monat später relativiert und das Verfahren zunächst eingestellt, doch der schale Beigeschmack bleibt.

Protest: Online vs. Offline?

Was lässt sich abschließend über das Verhältnis von Protest und Internet sagen? Man kann zumindest nicht folgern, dass sich der Protest von der Straße ins Netz verlagert: „Der Straßenprotest ist durch das Internet keinesfalls zu einem anachronistischen Auslaufmodell verkommen, wahrscheinlich ist sogar das Gegenteil der Fall. Andererseits ist das Internet auch kein bloßer „Flugblattersatz“, sondern zu einer bemerkenswerten Plattform des Organisierens, Aufklärens und Alarmierens avanciert. Es ist sozusagen ein Plus mit der Möglichkeit der selektiven Beschränkungskapazität um (noch) latente Ressourcen abrufbar zu halten.“ schreibt der Protestforscher Christoph Virgl in einem Aufsatz (pdf) über die Zukunft des Protests. Und weiter: „Vielmehr wird durch die Medialisierung nun auch Protest sichtbar, der sich nicht nur auf der Straße abspielt. Das Internet ist längst zu einer Überlebensbedingung und Erweiterung des Interaktionsradius von Protestbewegungen geworden.“

Dass Twitter mittlerweile im Mainstream angekommen ist, zeigt nicht zuletzt der Rat des israelischen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu an die USA, verstärkt auf Twitter zu setzen, um die Proteste im Iran zu unterstützen. Ein Schritt, den Barack Obama in seiner Rede in Kairo bereits ansprach, als er sagte, die USA werden die freie Meinungsäußerung überall unterstützen.

Wie mächtig das Netz auf die Straße drängt konnte man jüngst auch beim „No-Berlusconi Day“ beobachten, zu dessen Anlass der Netzwerktheoretiker Peter Kruse passend twitterte: „Ein Exponent alter Medienmacht wird herausgefordert duch die Netzwerke. Die Entwicklung gewinnt immer mehr Charme“.

Zwar kann sich die alte Garde noch halten. Spätestens seit Kopenhagen scheint jedoch eine Sache sicher: Die traditionellen Exponenten der Macht werden im nächsten Jahrzent noch stärker herausgefordert werden. Der Greenpeace-Chef Kumi Naidoo hat dies sofort nach dem enttäuschenden Ausgang des Klimagipfels in einem Interview bei Spiegel Online angekündigt: „Dieses Jahr ist ein Desaster für unseren Planeten, weswegen wir neue Formen des friedlichen zivilen Ungehorsams finden müssen“. Diese Wege werden vernetzt sein. „Get Off the Internet, I’ll Meet You in the Street ;)“, zitierte eine iranische Bloggerin die Band „Le Tigre“ am 7. Dezember. Vielleicht hat sie den Smilie nur deswegen gesetzt, weil sich das längst nicht mehr ausschließt.

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