Die neue Zärtlichkeit

Ich habe Tocotronic nie verstanden. Als sie 2002 ihr Weißes Album herausgebracht haben, bin ich etwas irritiert, aber dennoch euphorisch auf ihr Konzert gegangen und nervte Sänger Dirk von Lowtzow auf dem Weg zur Konzerthalle: „Spielt ihr heute Gehen die Leute?“ – „Nein“. „Letztes Jahr im Sommer?“ – „Nein“. „Was spielt ihr überhaupt?“ – „Heute spielen wir gar nichts.“

Ich war irgendwie immer hinten dran, beim Weg von der Hamburger-Schule zum „Freak“, „Prinz“ und nun zum „Fanatiker“. Dabei gab es genug Nachhilfe-Material, „Akademikergewichse“, wie Johnny Häusler jene verkopften Musikkritiken genannt hat. Da die Selbstbefriedigung im neuen Titelsong Macht es nicht selbst aber ausdrücklich erwünscht ist, hier mein Beitrag: Tocotronic, das sind die Hans Magnus Enzensbergers des Deutsch-Rock; immer wenn man glaubt, sie erreicht zu haben, dann sind sie längst woanders. Und das nimmt man ihnen übel (so die Zeit einst zu H.M.E.).

Der Kampf geht also weiter. Zwischen denen, die sie in Traininsjacken schrammeln sehen wollen, denen, die nur tanzen wollen und den „Wichsern“. Dabei, so kann man in der SZ-Fotostrecke sehen, wurden die Trainingjacken längst in eine große Mülltüte gepackt. Und gelesen haben Tocotronic nur Entenhausen-Comics.

Mut zum „Blödeln“

Im Feuilleton lobt man diesen Mut zum Blödeln: „Ich bin der Graf von Monte Schizo, und ich singe diesen Hit so“ (Der Gesang des Tyrannen). Das ist in sofern schön, als Tocotronic in sämtlichen Interviews immer wieder darauf hinweisen, dass theoretisches „Verständnis eh sowas quatschiges“ sei und es überhaupt keine Rolle spiele, was sie selbst zu ihren eigenen Platten sagen würden. Jeder nehme sich einfach, was er will, und das Album erfahre erst in der Rezeption seine Vervollkommnung. Das ist natürlich auch wieder so ein „Gewichse“, denn diese Äußerung spielt ja dann auch keine Rolle.

In jedem Fall tappt man in die Enzensberger-Falle, wenn man Tocotronic wegen Macht es nicht selbst nun zu „Anti-Heimwerkern“ verklärt und in ihrem Stück nur eine „Absage an jedwede Form von Amateurismus“ findet. Denn das ist der Stand von 1996 und Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst.

Vielleicht ist aber wirklich nicht viel Neues im letzten Teil der „Berlin-Trilogie“. Keine Meisterwerke mehr, das stetig propagierte „Ende des Subjekts“ – das sind alles bekannte Motive. Der „Wille aus Wachs“ ersetzt „Kein Wille triumphiert“ von der letzten Platte. Das Liebeslied heißt dieses Mal Das Blut an meinen Händen. Musikalisch hat man dagegen zugelegt: Ein viel weiterer, tieferer, verspielterer Sound durchzieht das Album. Ergreifend fast schon, oft mitreißend.

„Mach doch, was du willst“

Was spricht denn nun gegen das Selbermachen? Was aus der abgefeierten DIY-Kultur geworden ist, das beschrieb zuletzt der ehemalige Sex-Pistols-Manager, Malcom McLaren, im SZ-Magazin: „Der Geist der Rebellion hat abgedankt“, heißt es dort. An dessen Stelle sei eine Generation von Imitatoren getreten. Castingshows, DSDS, das sind die neuen Heimwerker. Auf dem Schräddelsong von Schall und Wahn heißt es so in netter Anspielung: „Stürmt das Schloss, SDS“.

Zum anderen fragt man sich jedoch wirklich, wie sie es wieder geschafft haben, diese CD rauszubringen, ausgerechnet wenn das hippe Wirtschaftsmagazin „brand eins“ titelt: „Mach doch, was du willst. Schwerpunkt Selber machen.“ Da kann man lesen, wie der Wohlfahrtsstaat an seine Grenzen gelangt ist, und die einzige Alternative die Selbständigkeit sei. Interviewt wird dazu CDU-Opa Kurt Biedenkopf. Eine Reihe schwarz-weiß Bilder schaffen einen Sympathie-Bonus, und man schaut entspannt zu, wie sich die Chefredakteurin und der ehemalige Ministerpräsidenten von Sachsen die Bälle zuschieben.

Da will man gerne zum Spielverderber werden und nie mehr etwas selber machen. Wenn es im „zeitgenössischen Kapitalismus fast so ne Forderung nach permanenter, kreativer Selbstmobilisierung gibt,“ schmunzeln Dirk und Arne im Interview mit MTV, dann sind „wir eher Fließbandarbeiter.“ Wer es selbst macht, der macht es Biedenkopf.

Diese Kritik ist natürlich nicht durchzuhalten. Auf der eigenen Homepage machen Tocotronic so extra drei Ausrufezeichen hinter den Link zur EIGENEN Plattenfirma. Es gibt keine argumentative Reinheit mehr, „wir sind innerlich beschädigt“ (Die Folter endet nie). Doch in einer Welt, in der Dr. Eckart von Hirschhausen zum Chefideologen geworden ist, um den Menschen klar zu machen, dass es an ihnen liegt, wenn sie sich nicht wohl fühlen; in der permanent die lähmende Forderung nach Selbstverwirklichung, Authentizität und Zielstrebigkeit gestellt wird, da geben Tocotronic Nachhilfe in der Kunst des negativen Denkens und zeigen, dass die Kapitulation und der Zweifel eine Befreiung sein können (#wichs).

„Lass mich dichten und diesen Staat vernichten“

Dass man damit ein musisches Refugium schafft, in das vielleicht auch der sich-selbst-Vermarkter eintauchen kann, um dann wieder erfrischt „kreativ“ sein zu können – geschenkt. Tocotronic führen einen „Tanz für die Ästhetik“ (Die Folter endet nie). Sie singen jedoch auch: „Lass mich dichten und diesen Staat vernichten“ (Gesang des Tyrannen). Muss man das verstehen?

Als Dirk von Lotzow im Interview von der TAZ gefragt wurde, warum er die Aktionswochen gegen Antisemitismus unterstütze, gab er die Antwort: „Ich verstehe die Frage nicht.“ Manche Sachen sind klar. Die Reaktion findet auf einer anderen Ebene statt.

Wenn man sich die Herren nun so anschaut, mit ihren Rosen, wie sie auf den Fotos die Hände kaum voneinander lassen können, dem Lustigen Taschenbuch ein Interview geben; wenn man die Musik hört, im „Zweifel für den Zweifel“, das wohl schönste Lied über „das Zerreißen der eigenen Uniform“ – dann sind das Zeichen für eine neue Zärtlichkeit, die keine Stoffbären mehr braucht. Nicht weil wir in uns drinnen nette Leute sind. Nein, denn hinter der zerrissenen Uniform „gibt es nichts“ (Gesang des Tyrannen) als Zerrissenheit. Und einen Blumenstrauß.

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