Netzkritik: Die Angst, ein Werkzeug zu sein

Hamlet

Foto: Hartwig HKD, Lizenz: CC-BY-ND

Der Wunsch der Netz-Kritiker ist immer derselbe: Das Internet solle endlich das tun, was wir von ihm verlangen, „richtig funktionieren“. So beginnt auch das Manifest über „Die Zukunft des Internets„, das David Gelernter für die Sonntagszeitung der FAZ schrieb. Im Vorspann ist die Rede von einem unbändigen „Fluss aus all den Informationen“ und David Gelernter fragt ganz im Sinne des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher, „was wir tun könnnen, um nicht in ihm zu ertrinken“.

Spätestens mit Schirrmachers Buch „Payback“ ist die FAZ ist zum „Zentralorgan der Nerds“ geworden, ein Wiki für alle, die etwas über das Internet schreiben wollen. Constanze Kurz vom CCC hat ihre eigene Kolumne bekommen, weitere Aktivisten werden folgen. Internet-Haudegen bloggen bei faz.net über ihre Angst, die Kontrolle über die eigene Netz-Identität zu verlieren. Und zehn Jahre nach seinem letzten Manifest meldet sich nun auch der Internet-Pionier und -Kritiker David Gelernter wieder zu Wort und umschreibt die Angst der FAZ, zum Werkzeug der Technik zu werden.

In 19 Thesen umreißt Gelernter die Auswirkungen der zunehmenden Informationsflut: „Virtuelle Universitäten“ werden bis auf wenige Ausnahmen die altgedienten Bildungsstätten ablösen, Großbildrecher die Büros zieren, vor denen man in zwei-Meter Entfernung komfortabler und augenschonender arbeiten kann. Bisher sei das Internet jedoch vor allem eine „Maschine zur Verstärkung unserer Vorurteile“: wir suchen uns die Dinge, die wir schon kennen und fühlten uns so in unserer Meinung bestätigt.

Im Netz fließen die Informationen in einem reißenden Strom der „Jetzigkeit“. Vor dem Ertrinken wird uns nach David Gelernter eine individuelle „Wolke“ bewahren – eine private Datensammlung, die über uns kreist und uns bei Bedarf mit gewünschten Informationen versorgt. Von „Cloud Computing“ sprach er bereits in seinem Manifest von 2000, als Orientierungs- und Filterhilfe in den unendlichen Datenwelten. Die Wolke ist David Gelernters nebulöse Antwort auf das Unbehagen der FAZ gegenüber dem Internet. Wie lässt sich nun mit diesem Unbehagen umgehen?

Bereits zwei Jahre zuvor, im Juni 1998, äußerte sich der Philosoph Slavoj Žižek in einem Interview bei Telepolis zu diesem Problem. Ein Interview, das man trotz des hohen Alters noch einmal lesen sollte. Laut Žižek kann man dem Internet gegenüber verschiedene Haltungen einnehmen: erstens die „paranoide“, die vor Autonomieverlust warnt. Zweitens die einer „perversen Befreiung“, also die Hoffnung, das Netz könne uns von der patriachalen Autorität befreien. Und drittens sind da noch jene „New Age“-Jünger, die der totalen Faszination des Phänomens erliegen.

Aus ihnen würde David Gelernters „ideale Internetkultur“ bestehen: Sie wäre „von Jetzigkeit überflutet wie eine Strandpromenade vom Meerwasser“, alle sprächen, dächten und kleideten sich gleich. Gegen sie hat es auch Frank Schirrmacher besonders schwer. David Gelernter hofft, dass einmal ein „gut gemachter historischer Strom“ diese Welle der „Jetzigkeit“ begleiten werde.

In diesem Nebenfluss würden sich die Hysteriker tummeln. Die Hysterie ist Žižek vierte Einstellung gegenüber dem Cyberspace: Hysterie ist die Angst davor, ein Werkzeug des Anderen zu werden. Sie führt zum Hinterfragen, zum Zweifel und ist damit Grundbedingung jeder Kritik: „Der erste Schritt in Richtung Subversion ist exakt der, den hysterischen Zweifel neu einzuführen“, so Žižek.

Ohne diesen Zweifel gibt es kein Innehalten mehr, sondern nur noch die Logik der Jetzigkeit. Und gelegentlich, schreibt auch David Gelernter, müssen unsere Gedanken die Rationalität überwinden, „umherschweifen und sich verwandeln, wie sie es auch im Schlaf tun“. Wir werden der FAZ für ihre Hysterie noch dankbar sein.

(zuerst erschienen auf taz.de)

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