Wenn Deutschland dicht ist, hilft nur die Liebe

Bild: Christopher Tauber (piwi)

Dietmar Dath schreibt viel. Zuviel, findet die taz und hat ihm letzten Monat empfohlen, ein bisschen weniger Geschichten aus dem „Dath-Kontinuum“ auf den Markt zu werfen. Da hatte Dath gerade eine Rosa-Luxemburg-Biographie und das „politische Bilderbuch“ Deutschland macht dicht veröffentlicht. Das kommt mit jeder Menge Illustrationen und ist so viel leichter bekömmlich als die wundersame Dystopie Die Abschaffung der Arten vor zwei Jahren. Schöner kann es im Dath-Kontinuum eigentlich nicht mehr werden.

Deutschland macht dicht spielt in Frankfurt. Da lebt Hendrik. Hendrik schaut immer ein bisschen traurig. Doch in Frankfurt und Deutschland ist alles irgendwie traurig. Menschen demonstrieren, aber sie wissen nicht mehr wofür. Der „älteste Kommunist Deutschlands“ sitzt in seinem Keller, „fest eingewickelt in seine Melancholie“, und wünscht sich, er sei in einer anderen Welt. Oder zumindest, dass endlich etwas passiert. „Zuspätkommunist“, wie er von Rosalie genannt wird.

Rosalie ist 15 Jahre alt und Tochter des Kulturchefs der „Erhabenen Zeitung“. Diese Zeitung hat Böses vor, wenn auch mit den besten Absichten, wie es heißt: Sie will mit Schlüsselworten in den Artikeln Träume und Wünsche der Einwohner gleichschalten. Eines Tages ist es dann soweit: „Es gab ein kurzes, schlürfend saugendes Geräusch in bombastischer Lautstärke. Dann wars passiert: Deutschland hatte dichtgemacht.“ Alle Ritze und Horizonte im Land sind zu-plombiert, Deutschland schottet sich ab von der Welt, nichts „Anderes“ kommt mehr rein. Der Bundeskanzler, beraten vom Geist des Ökonoms Joseph Schumpeter, nimmt Deutschland vom Internet. Jeden Tag wird von nun an die gleiche Zeitungs-Ausgabe produziert.

Hase vs. Käse

Der Kanzler hängt täglich kopfüber in seinem Büro und hofft, dass ihm der Blutüberschuss im Gehirn beim Denken helfen wird. In Deutschland muss also einiges wieder vom Kopf auf die Beine gestellt werden. Nur wie? Und wenn alles dich ist, wo kommt dann das Neue her? So greift Dath in Deutschland macht dicht die Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis auf. Wunderschön unkonventionell natürlich: Denn von nun an wird Hendrik von einem allwissenden Hasen und einem Dynamit-werfenden Käse begleitet.

Nach der Plombierung und Umstülpung Deutschlands ist der Hase Mandelbaum der einzige, der alles durchschaut. „Verblendungszusammenhang hat man’s frühgenannt“, sagt der Hase. „Ich verachte den Westen und seine arrogante Venumpf“, hält der „Kamikäse“ entgegen und wirft Dynamit auf alles, das sich bewegt. Er weigert sich zunächst, mit dem vorausplanenden Hasen gemeinsame Sache zu machen: „Ich brauche keine Karten. Ich bin die Tat. Er ist die Anschauung, fast schon die Aufklärung, am Ende die Vernumpf“.

Schließlich ziehen sie doch gemeinsam ins Gebäude der Europäischen Zentralbank, um den großen Satan zu bekämpfen, der für alles verantwortlich ist: Das Geld und sein Schoßhund „Sumsilatipak“. Als der Kreuzworträtsel-erprobte Kommunist bemerkt, dass „Sumsilatipak“ nur „Kapitalismus“ rückwärts buchstabiert sei, haben alle nicht mehr ganz so große Angst. Doch selbst der Kamikäse erliegt dem Hypnosesatz der Bestie Sumsilatipak: „Sei doch vernünftig“.

Jesus kann jetzt Kung Fu

Wenn die Vernunft alles Bestehende zementiert und eine Welt von „Krawattenträgern“ und „Vollblutpragmatikern“ schafft, dann muss die Veränderung aus der Traumwelt kommen, aus dem Unbewussten. Ein Kunstwerk verschafft Zutritt in diese Welt, „ins Andere“. Da kämpft dann auch der Cowboy Jesus mit Hendrik und Rosalie gegen das Geld. Jesus hat seit seinem letzten Auftritt vor 2000 Jahren Kung Fu gelernt. „Du bist nur Geld“, sagt er nach einem Sprungkick. „Macht doch alle, was ihr wollt“, gibt das Geld endlich klein bei.

Doch Deutschland ist immer noch dicht. Damit endlich das Neue hereinströmen kann, muss jemand in der Traumwelt des Unbewussten anfangen zu träumen – die „Verneinung der Verneinung“, wie es der älteste Kommunist nennt. Doch derjenige wird nie mehr nach Deutschland zurückkehren können. Hendrik und Rosalie „opfern“ sich schließlich zusammen. Ihre Liebe ist der Zugang in die Unendlichkeit, der die Verkrustung sprengt.

Ein neues Deutschland entsteht. Da ist vieles wie im alten Deutschland. Aber nicht alles: Hendriks Mitschülerin Clea verliebt sich in eine Libanesin und will Künstlerin werden, eine Gewerkschaft für prekär Beschäftigte gründet sich. Der älteste Kommunist Deutschlands will es noch einmal wissen und geht in die Politik. Was soll er auch sonst machen, fragt er, im Keller sitzen und sich über das Fernsehen aufregen?

Dietmar Dath hat ein wundervolles Buch geschrieben. Eine märchenhafte Geschichte und eine kleine Vernunftkritik. Am Schluss bleibt die Hoffnung, dass weltbewegende Veränderungen oft ganz klein beginnen. Als „Irrtümer“, wie Dath schreibt, die wir nicht verstehen, weil sie nicht in die versteinerte, vernünftige Welt passen. Wie die Liebe. Und solange es die noch gibt, die Traumwelt und ihre Unendlichkeit, solange kann doch noch einiges gut werden. „Sind diese ganzen Welten“, fragt Hendrik am Ende, „vielleicht nur eine Welt? Wie hängt alles zusammen?“ Und Rosalie antwortet: „So wie wir es verbinden.“

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