Gegen die Allmacht der Echtzeit

„Kratz dich raus“ ist die erste Platte von Hans Unstern. Für die Spex ist sie schon jetzt ein Kandidat für das deutschsprachige Album des Jahres, Die Zeit lobt Unsterns „unzeitgemäße Unverdaulichkeit“. „Ein staubiges Europa ist das Interieur dieser Platte“, kann man auf Unsterns Homepage lesen – die „Sehnsucht nach dem unbedingten unterwegs sein, die (…) sich vehement gegen die Allmacht der Echtzeit stemmt, eine melancholische Verstimmung, die erst das neue Jahrhundert mit sich brachte.“ Permanent unterwegs, doch Unstern findet nur Ein Coversong – so der Titel des neuen Videos. Warum?

Im etwas älteren Videos Paris fragt sich Unstern: „Wann lerne ich, dass ich den Moment nicht festhaten kann?“ und antwortet „Nie.“ Hans Unsterns Musik ist vor allem deshalb „unzeitgemäß“, weil sie den Tod des Moments besingt, der uns bei der „Allmacht der Echtzeit“ irgendwie abhanden gekommen sein muss. Wir sind immer auf der Suche nach dem glücklichen Moment. „Online“ statt „On the Road“. Und eben weil wir immer suchen, können wir ihn gar nicht mehr finden.

Dieser Zwang zur Echtzeit ist längst zum „Kokon“ (Ein Coversong) des Menschen geworden, zu einem gedanklichen Gefängnis. Denn was gibt es stromlinienförmigeres als das unbedingte Leben in Echtzeit? Der Coversong ist damit nicht ein Ausdruck von Gestrigkeit, sondern der Versuch, der Echtzeit zu entkommen und sich aus dem eigenen „Kokon“ herauszukratzen.

Außerhalb des Kokons ist zunächst alles dunkel, singt Unstern, doch „du fühlst dich frei, im Sinne von fähig zu denken“. Lässt man sich nun in das Dunkel fallen, werden einen Fallschirme tragen. Im Idealfall findet man beim Schweben durch vergangene Textwelten ein paar nette Zutaten und kann sich zu Hause seine „eigene Buchstabensuppe“ kochen.

Unterwegs sein ja, aber eben nicht nur in Echtzeit.

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