Die „Interessantheit“ der Information

Albumcover: Beck - The Information. Von: streetpreacher83, Lizenz: by-nc-nd

Ihr sollt schreiben, was euch Spaß macht, sagte Sascha Lobo den Redakteuren der Rhein-Zeitung. Am Dienstag war er für einen Tag Chefredakteur, um zu testen, „ob sich die Erkenntnisse der Informationsvermittlung im Netz zurück auf das Papier übertragen lassen.“ Drei Charakteristika zeichnen laut Lobo Informationen im Netz aus:

Interessantheit (die Informationsweitergabe basiert auf persönlichen Empfehlungen, also muss einen etwas auch selbst interessieren – jeder soll über etwas schreiben, das ihn bewegt)
Subjektivität (persönliche Standpunkte sind erwünscht)
Visualisierung (das Internet lebt von Bildern und Emotionen; Leser sollten deshalb die Stimmung im Einzugsgebiet der Zeitung per Foto einfangen und ihre Aufnahmen an die Redaktion schicken)

Wie „interessant“ ist die Ausgabe? Was steht drinnen?

Die Titelgeschichte „Kriege im Dunkeln: Das Leid der Vergessenen“ versteht sich als „Plädoyer gegen das Wegsehen“. In der Aufmerksamkeitsökonomie der Medien fänden viele Kriege und Konflikte keinen Platz mehr: „Nur wer etwas über das Leid anderer Menschen erfährt, kann ihnen helfen“, schreibt der Redakteur Carsten Luther. Das Bild zum Artikel zeigt einen Mann mit bandagierter Stirn, er ist aus Kashmir. Ein bewegendes Thema, und deshalb ein schöner Aufmacher und Tagesthema ab Seite 6. Der Rest der Seite Eins ist eher konventionell: „Koalition strebt Börsen-Steuer an“, so eine Meldung. „Ökonom will 25 Prozent Mehrwertsteuer – und steht allein“ eine weitere. Die ist evtl. etwas flapsiger geschrieben als sonst.

Auf Seite 2 folgt dann der Leitartikel von Sascha Lobo, der vom „normalen“ Chefredakteur Christian Lindner schon am Abend zuvor ins Netzt geschickt wurde: „Wie kann das Internet die Welt verbessern?“ fragt Lobo und schreibt, dass das Netz mit seinen 16 Jahren noch nicht volljährig sei. Im Netz könne man aber helfen und dabei noch „cool“ sein:

„Es ist kein Zufall, dass sich viele erfolgreiche Weltverbesserungsprojekte im Netz „cool“ anfühlen sollen. Herkömmliche Hilfsorganisationen setzen eher auf Mitleid, unterstützt durch Fotos von Kindern mit großen Augen. Im Internet wird diese Motivation durch soziale Effekte ergänzt oder ersetzt: meine Freunde spenden, also tue ich es auch.“

„Die Welt verbessern“, so Lobo weiter, „kostet nicht viel mehr als ein paar Klicks.“ Schön wär’s schon. Außerdem auf Seite 2: Ein Plädoyer für längeres gemeinsames Lernen, gegen die Selektion nach d er vierten Klasse: „Kein Kind darf zurückbleiben“.

Auf Seite 3 dann relativ viele Bilder: „Wie sich das Leben mitt ags anfühlt“ zeigt die eingesendeten Leser-Fotos. Zu sehen sind ein paar Menschen auf der Straße, beim Essen und in der Kirche. Weiter geht es auf der Rheinland-Pfalz-Seite mit einer kleinen Netz-Geschichte: drei Blogger empfehlen Wein, Prost.

Im Vergleich dazu spricht mich der Politikaufmacher „Demokratie verkommt zu einer leeren Hülle“ an: Auf dem Bild wird der Bundesadler im Schraubstock zwischen „Wirtschaft“ und „Finanzmärkten“ zerquetscht.

„Jedes Volk bekommt die Regierung, die es verdient hat. Irrtum: Denn dies suggeriert, das Volk habe eine Wahl, wenn es nur wollte. Doch diese Auffassung von Demokratie ignoriert, dass nicht nur die Regierten, sondern auch die Regierenden in einer globalisierten Welt oft ohnmächtig sind. Um dies zu kaschieren, thematisiert die Politik ja Schein-Themen statt der wirklich bedeutsamen Konflikte einer Gesellschaft.“

„Was tun?“, fragt der Redakteur Christian Kunst und ist für eine Stärkung der lokalen Entscheidungsebene: Das Dorf, der Verein werde wieder an Bedeutung gewinnen. Der Text schließt:

„Hinter all dem steckt auch eine elitäre Borniertheit, der verächtliche Blick auf das angeblich politisch unreife Volk. Diese Haltung könnte irgendwann zum Totengräber der Demokratie werden. Dies abzuwenden, das hat die Politik noch selbst in der Hand. Sonst könnte das Volk irgendwann selbst zum Handeln gezwungen sein.“

Ist es das nicht längst? Eher konventionelle Themen auch auf den restlichen Seiten. Auf Seite 5 schreiben Lobo und Lindner ein paar Zeilen zur Symbiose von Netz und Print. Lindner lobt noch einmal „Lobos Theorie“:

„Was ein Redakteur so interessant findet, dass er es unbedingt schreiben möchte, wird auch viele Leser interessieren. Und die Summe vieler auf diese Weise ausgewählter Themen ergibt eine besonders interessante Mischung.“

In der Kultur geht es weiter ums Internet: „Ich liebe das Internet: Ja, nein und vielleicht“. Der Kulturchef beschreibt ganz subjektiv, wie er mit dem Internet umgeht.

Und das wars dann eigentlich auch schon. Eher enttäuschend. Das liegt aber nicht an Sascha Lobo, sondern daran, dass die Redakteure anscheinend das „interessant“ finden, was sie sonst auch schreiben. Außer beim Tagesthema und dem Politik-Aufmacher ist von dieser „Interessantheit“ (= Artikel, die ich weiterempfehlen würde) jedoch kaum etwas bei mir angekommen. Alles in allem kein Vergleich zu der „freundlichen Übernahme“ der taz Mitte April durch ihren Nachwuchs. Da hat man eine Woche lang jeden Tag die Zeitung aufgeschlagen und gedacht: Wow – das habe ich bisher ja nirgends gelesen. Das sind schließlich die interessantesten Artikel, im Netz und in der Zeitung.

Update: Lobos eigenes Fazit ist zwiespältig. Einerseits lasse der „Druck des Druckens“ und die Zeitungsmaschinerie keine Feinarbeit zu:

„Das ist der Hauptgrund, weshalb mich der Tag als Chefredakteur mehr erschöpft hat als erhofft und weshalb ich vor allem meine eigenen Texte okay fand, aber nicht besser als okay. Leider.“

Andererseits seien seine Ideen „famos“ umgesetzt worden, und die Reaktionen, sowohl der Social-Media-Crowd, als auch der Printleser, „positiv bis euphorisch“ gewesen.

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