Juni, 2010

„We are the ones, we’ve been waiting for“

stern_500

Drei Tage lang hat die Berliner Volksbühne die „Idee des Kommunismus“ beherbergt. Die Philosophen Alain Badiou und Slavoj Žižek hatten zur Konferenz geladen und wollten den „Begriff des Kommunismus neu und in seiner ganzen Bedeutungsvielfalt“ denken. Antonio Negri war da, Performance-Künstler, Installationen und Filme sollten das Thema „ästhetisch beleuchten“. Volksbühnen-Intendant Frank Castorf zeigte Bertolt Brechts Lehrstück.

Ich habe beim Freitag über jeden Tag berichtet (Tag 1, Tag 2, Tag 3), hier nur eine kurze Zusammenfassung. Und die kurze Geschichte hinter diesem Stern. Das vortragende Trio aus Polen präsentierte ihn als neues Symbol für eine kommende Bewegung. Einen Stern mit verschiedenen Farben – eine „Gemeinschaft der Singularitäten“. Dazu eine offene Zacke, den „leeren Signifikanten“ für das kommende Projekt. Alle freuten sich über die Idee und das neue Symbol. Außer Žižek. Der Stern sei nichts weiter als das Symbol für die Demokratie, die auf so einem leeren Signifikanten beruhe. Alle könnten sich auf so einen Stern einigen, sogar der Papst. So ein enthusiastischer Moment sei zwar schön, mehr aber auch nicht. Wäre ja auch zu einfach gewesen.

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Netzpolitik: Die Lok rollt einfach weiter

Im Vergleich zu den Datenhighways im Internet ist die Politik manchmal so schwerfällig wie die Diesellok im Berliner Technikmuseum. Insofern war der Ort gut gewählt, als Innenminister Thomas de Maizière am Dienstag hier seine Grundsatzrede zur Netzpolitik hielt. Seit Januar hat er in vier Gesprächsrunden mit Aktivisten und Experten über die „Perspektiven deutscher Netzpolitik“ geredet. Teilnehmende bescheinigten dem frisch ins Amt gekommenen Minister hohe Dialogbereitschaft, sowie die Fähigkeit des Zuhörens. Ein Stilwechsel, der nötig war.

Vorgänger Wolfgang Schäuble hielt es nicht für nötig, einmal die Ohren anzulegen und zu lauschen, worüber da eigentlich so eifrig im Internet kommuniziert wird. Er war in den Augen vieler nur der Abhörer, eine „Stasi 2.0“. De Maizières Ton sollte ein anderer werden. In den vier Gesprächsrunden war der Innenminister sensibilisiert worden: nicht immer sofort neue Gesetze einzuführen, die Novellen sollten die technische Entwicklung nicht blockieren und im Einklang mit europäischem und internationalem Recht vonstatten gehen.

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Digital Activism: Die verschlüsselte Revolution

Foto: marco papapopulus, Lizenz: by-nc-nd

Abbildung: marco papapopulus, Lizenz: by-nc-nd

Endlich sprechen alle dieselbe Sprache. Eine Sprache aus Nullen und Einsen: der „digitale Code“ ist überall der gleiche – im Iran, den USA oder auf den Philippinen. Ein Internet-Zugang ist alles, was man braucht, um sich einzuklinken. Und trotzdem verstehen sich die Menschen nicht.

Bestes Beispiel hierfür sind die Unterhaltungen zwischen dem New-Yorker Medien-Forscher Clay Shirky und dem weißrussischen Journalisten und Blogger Evgeny Morozov. Zum Beispiel über die Rolle des Internets im Iran: Das Netz verschaffe endlich denen Gehör, die bisher vom politischen Prozess ausgeschlossen waren, die Revolution sei nahe, meint Shirky. „Ja, nur noch 20 Tweets“, kommentiert höhnisch Morozov und erklärt, wie das Regime in Teheran die neuen Kommunikationskanäle nutzt, um Gegner noch effektiver zu verfolgen.

„Digital Acitivism“ ist zum Schlagwort für alle Aktionen geworden, die sich einer digitalen Struktur bedienen, um soziale und politische Änderungen zu bewirken. In dem Buch Digital Activism Decoded – The new mechanics of change (hier als pdf) wird jetzt erstmals versucht, diese Phänomene genauso zu fassen. Im faustischen Sinne fragt Herausgeberin Mary Jones, Pionierin und Botschafterin der digitalen Aktion, was die (digitale) Welt im Innersten zusammenhält.

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„WTF??? RT @zdfonline“

In der Pause kochte die Stimmung über. „Im Eifer der Halbzeitpause“ könne so eine „sprachliche Entgleisung“ schon einmal passieren, stellte ZDF-Sportchef Dieter Gruschewitz daher noch in der Nacht klar. Was war geschehen? Nationalspieler Miroslav Klose stand seit Monaten in der Kritik. Fast die ganze Fußballwelt hätte Cacau im Sturm den Vortritt gelassen. Und dann macht er diesen Koopfballtreffer gegen Australien – ein „innerer Reichsparteitag“ müsse das für ihn gewesen sein, sagte Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein in jener Halbzeitpause. Skandal? ZDF-Experte Oliver Kahn zuckte nicht einmal mit der Wimper, als ihm Müller-Hohenstein diesen Ball zuspielte. Doch die Twitter-Welt war aus dem Häuschen. Ein gewitterter Nazivergleich, und schon entlädt sich ein kleiner „Shitstorm“ über dem ZDF: Sofort feuern, wenn sie nicht selbst zurücktritt!

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Träum was Schönes, liebe Maschine

Heute hat David Gelernter in der Reihe Netzkritik der FAZ/FAS (die ich immer gerne lese) einen schönen Artikel über „Die Traumlogik des Denkens“ geschrieben. Was unterscheidet uns von Maschinen und Netzalgorithmen, können Maschinen eigentlich Menschen werden?

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R.I.P. Gegenöffentlichkeit

Foto: ashacz, Lizenz: by-nc-sa

Foto: ashacz, Lizenz: by-nc-sa

In den vergangen Tagen konnte man auf allen Netzkanälen ein leises, saugendes Geräusch hören. Das gleiche Geräusch, dass Dietmar Dath in seinem jüngsten Buch beschreibt. Da wird das Saugen und Schlurfen immer lauter. Und mit einem bombastischen Knall ist es dann auf einmal soweit: Deutschland hat dichtgemacht. In den letzten Tagen war jetzt das Internet an der Reihe. Was einst als Hort der Gegenöffentlichkeit angefangen hat, ist jetzt nur noch ein riesengroßer Wahlomat. Wie ist das passiert?

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Constructing Reality

only madness(von/via)

„Der Mensch ist diese Nacht, dies leere Nichts, das alles in ihrer Einfachheit enthält, ein Reichtum unendlich vieler Vorstellungen, Bilder deren keines ihm gerade einfällt oder die nicht als gegenwärtige sind. Dies ist die Nacht, das Innre der Natur, das hier existiert – reines Selbst. In phantasmagorischen Vorstellungen ist es ringsum Nacht; hier schießt dann ein blutiger Kopf, dort eine andere weiße Gestalt plötzlich hervor und verschwinden ebenso. Diese Nacht erblickt man, wenn man dem Menschen ins Auge blickt – in eine Nacht hinein, die furchtbar wird; es hängt die Nacht der Welt hier einem entgegen.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Jenaer Realphilosophie. Vorlesungsmanuskripte zur Philosophie der Natur und des Geistes von 1805-1806, Hamburg: Felix Meiner, 1969, 180 f.

Wanted: Katastrophenbilder

„Endlich“ würde ich am liebsten schreiben, wenn es nicht so sarkastisch klingen würde. BP hat bisher alles versucht, um zu verhindern, dass die Ölpest eine entsprechende Bebilderung in den Medien findet. Wochenlang hat man endlos Chemikalien ins Meer geschüttet, damit der braune Schlamm nicht an Land kommt. Bisher hat das funktioniert. Mal ehrlich: Wen berührt der Live-Stream (sofern er denn mal funktioniert) von dem ausströmenden Öl ins Meer wirklich? Die ganze Sache lässt sich einfach nicht fassen.

Klar, Boykottieren hilft nichts – das weiß auch Greenpeace und ruft nicht einmal dazu auf. Aber Greenpeace versucht sich im Rebranding des BP-Logos und hat damit den Kampf um die Bilder aufgenommen. Denn für eine Ölkatastrophe in diesem Ausmaß hält sich der öffentliche Aufschrei noch in Grenzen. Es ist kein Zufall, dass sich das gerade ändert. Denn das Öl erreicht seit letzter Woche „endlich“ das Festland. „The big picture“ auf boston.com erzählt Geschichten in Fotostrecken – die bewirken in einem mehr als tausend Worte.

Diese Bilder sind von vergangener Woche:
www.boston.com/bigpicture/2010/05/oil_reaches_louisiana_shores.html

… und so sieht es jetzt aus:
www.boston.com/bigpicture/2010/06/caught_in_the_oil.html

„Christian Lübke!“

Christian Wulff

Den designierten Bundespräsidenten Christian Wulff auch sofort mit Heinrich Lübke vergleichen – das würde ich niemals machen. Aber vielleicht kommt ja ein anderer dieser Menschen aus dem Internet auf die Idee, sobald er/sie einmal auf der Homepage des neuen Kandidaten vorbeischaut. Da wird man geradezu provozierend mit folgenden Worten begrüßt:

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Internetnutzer,

23 Uhr: Der Zusatz „liebe Internetnutzer“ ist mittlerweile entfernt worden.