Die harmlose Präsidentenwahl

Was für eine Aufregung. Nicht, dass etwas ungewöhnliches passiert wäre: Die Parteien stritten sich darüber, welche Partei den überparteilicheren Kandidaten aufgestellt hatte. Und am Schluss hatten, so schien es, alle verloren. Joachim Gauck, weil es nicht klappte. Christian Wulff, weil es so lange dauerte. In jedem Fall aber Angela Merkel, weil sie ihre Koalition nicht mehr im Griff hat. Ein weiteres Indiz für den Anfang vom Ende von Schwarz-Gelb? Nein. Der Rummel um die Bundespräsidentenwahl war nichts weiter als ein Ventil für eine diffuse gesellschaftliche Verunsicherung, die Angela Merkel nicht fürchten muss.

In der Berichterstattung wurde der Bundespräsident schnell zum Symbol der Verunsicherung stilisiert. Gesucht wurde ein Kandidat für unsichere Zeiten. Joachim Gauck erschien fast allen als der richtige. Ein Charakter mit einer bewegenden Biografie. Frank Schirrmacher hielt entgegen, dass Christian Wulff besser zu einem Land passe, dem eine Zukunft mit schweren Einschnitten und Brüchen erst noch bevorstehe.

Obwohl er im Vergleich zur Regierung kaum Gestaltungsmacht hat, wurde ein Präsident gegen die Verunsicherung gesucht. Warum, steht in der Staatsphilosophie Hegels. Der Staat brauche „einen Menschen der „Ja“ sagt und den Punkt auf das I setzt“, schreibt er in den Grundlinien der Philosophie des Rechts. Ohne diese Person sei das Volk nur eine „formlose Masse“. Die vernünftige Einrichtung des Staates stehe in Frage, sobald ihm das leitende Prinzip der Individualität nicht voran steht, schreibt Hegel.

Rund um die Wahl war vor allem folgendes zu beobachten: Ist keiner da, der die Gesetze unterzeichnet, steht die Regierung in Frage. Dabei hätten konkrete Probleme, wie zum Beispiel die Einseitigkeit des Sparkurses viel mehr Aufregung verdient. Der Lärm um die Wahl war so vor allem Ventil für eine diffuse gesellschaftliche Verunsicherung, die sich in der Parteinahme für Joachim Gauck entlud. Solange sich diese nicht konkretisiert, hat Angela Merkel nichts zu befürchten.

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