Don’t be afraid to dream of a bigger one, Chris!

Lego-diCaprio in Inception

Lego DiCaprio in Christopher Nolans "Inception"

Joseph Gordon-Levitt schießt mit einem Sturmgewehr auf den Feind, auf dem gegenüberliegendem Dach. Er verfehlt mehrmals, weil der Attentäter eine zu gute Position inne hat. Tom Hardy schwingt sich ins Bild. „You shouldn´t be afraid to dream of a bigger one, darling“, schnalzt es süffisant aus seiner britischen Kehle. Er putzt den Typen mit einer Bazooka hinweg und läßt Joseph Gordon-Levitt – mit seiner Milchbubivissage einfach nur halb so cool – ziemlich scheiße aussehen. Schneidiger Typ, schneidige Szene. Der Film ist in seiner ersten Hälfte angelangt. Wenn alles so einfach ist: warum träumen wir uns nicht ein schönes Ende zusammen?

Es scheint doch möglich, schließlich sind wir in der Matrix: Nimm die blaue Pille und es geht hinunter in den Kaninchenbau. Nimm die rote und du erwachst aus einem Traum. Vorher musst du nur noch die Welt retten. Du stehst im Raum. Du sagst: „Waffen!“ und hunderte Regale voll mit tödlicher Hardware bauen sich auf.

Cut: 160 Millionen im Sack. Jetzt kann ich wirklich alles machen. In Farbe mit echten Gefühlen. Ein Anruf. Der Produzent: „Chris, bau keine Scheiße, es waren vier, ich sage VIER Locations ausgemacht. Jetzt lese ich auf Twitter, dass du gerade in Kanada drehst. Verballerst du die ganze Kohle? Es war Tom, nicht Leo. verstehst du: TOM. Was ist los? Drehst du durch? Rede mit mir!“ Ich – Chris – sage: „Fick dich! Das ist mein Film! Meine Kohle! Mein Ende! Mir gehört der Film! Die ganze Welt gehört mir, verflucht! Ich bin der König der Welt!!!“ James Cameron läuft durchs Bild und zwinkert uns zu. Hinter ihm kommen Häuser zum Einsturz. Ist das noch der Film oder Realität? Michael Caine drückt mir beide Schultern und sagt ich müsse jetzt aufwachen. Christopher Nolan erwacht aus einem Albtraum. Er ist arbeitslos. Vorher rannte er über treibende Holzstämme, fiebrig schlaflos, zauberte Zylinder in Vorgärten. Weit entfernt glaubte er David Bowie irgendetwas sagen zu hören. „Es werde Licht?“

Ich bin ein mittelloser Schriftsteller in einer mittelmäßigen Bude, mit fettigen Haaren und schlecht sitzender Kunstlederjacke. Mir ist langweilig. Und weil ich nur Scheiße und keine anständige Geschichte fabriziere, beschließe ich, Fremden willkürlich zu folgen. Alles passiert in schwarzweiß, weil für farbige Träume und Erinnerung kein Geld da ist.

Drei Jahre später: Memento ist im Kasten. Derselbe Film nur in Farbe. Keiner ist mir gefolgt. Alles läuft verkehrt herum. Keiner scheint es zu merken. Ich – Chris – schreie in die Welt hinaus: „Schaut was ich gemacht habe!“ Mein Herz schlägt schnell. Was ist, wenn ich den ultimativen Film mache und keine Sau schaut hin? Ich schwitze, habe Angst. Wo ist meine Beachtung. Ich poste Screenshots, Clips und Trailer auf imdb und Facebook. Ich zwitschere in die Welt hinaus. Hört mich jemand?

Der Wecker klingelt und ich/Christopher erwache aus einem schrecklichen Traum. „Little Chris in Slumberland“. Ich habe einen Kater und weiß nicht wieso. Eine Katze läuft durchs Bild. Jetzt nochmal. „Dejavu?“ Wo ist Denzel Washington, der meine Hand hält?

Tom Hardy schießt mit einem Sturmgewehr auf den Feind, auf dem gegenüberliegendem Dach. Er verfehlt mehrmals, weil der Attentäter eine zu gute Position inne hat. Joseph Gordon-Levitt schwingt sich ins Bild. „You shouldn´t be afraid to dream of a bigger one, darling“, schnalzt es süffisant aus seiner amerikanischen Kehle. Er putzt den Typen mit einer Bazooka hinweg und läßt Tom Hardy – mit seiner schleimigen Friese nur halb so cool – ziemlich scheiße aussehen.

„Cut!“ sage ich/sagt Christopher. Bauen wir uns doch unser Ende selbst. Tom Cruise dreht einen Kreisel und bevor er aufhört sich zu drehen, stehle ich dem Publikum das Ende. Alles war nur ein Traum. Heath Ledger klopft mir auf Schulter. „Warum so ernst, alles schaut doch so gut, so real aus?“

Katie Holmes ruft an und sagt, dass sie zum zweiten Mal schwanger sei von Leonardo diCaprio, und das Maggie Gyllenhall ihre Rolle in „Batman 3“ ruhig weiterspielen kann. Da frage ich sie, ob sie „The Dark Knight“ überhaupt mal angesehen hätte und ob sie nicht eigentlich mit Tom Cruise verheiratet sei? Sie legt einfach wortlos auf. Mein Puls ist hoch. Ich schwitze. Ich nehme eine Xanax und zwei Valium. Kurz darauf ruft Brett Easton Ellis an. „Hey Brett.“ – „Hey Chris.“ – Er: „Du ich hätte da ´ne richtig gute Idee für einen Film.“ – „Ach? Um was geht’s?“ Er: „Erst mal der Titel: Wie wär´s mit „Insomnia“ oder vielleicht auch „Inception“ – mal schauen. Was hälst du davon?“ – Ich: „Um was soll es gehen? – Er: „ Erzähl ich dir am Ende von dem Film.“

Ich wache auf. Ein Tattoo auf meiner Hand sagt mir, ich solle immer an Sammy Davies denken. Ich nehme das Insulin von der Kommode und jage es mir in den Bauch…

Björn

Filme müssen irgendwas mit einem machen – nach dem Kinobesuch sollte sich alles irgendwie komisch anfühlen – dann war der Film gut. Meistens hält das Gefühl dann nur bis zum Bier danach, aber immerhin. Für Filme mit Nachwirkungen ist Christopher Nolan bisher immer gelobt worden. Zu Recht. Auch Inception sei kaum zu verstehen, haben jetzt viele geschrieben, so vielschichtig sei Nolans neuester Film. Am besten verstehe man ihn selbst als eine Art Traum, und Träume sind schließlich immer auch ein bisschen Nonsense.

Doch in Nolans Filmen hat alles seinen Sinn. Vielleicht musste man sich seine Filme dafür öfter anschauen. Doch Inception will ich mir gar nicht noch einmal anschauen. Ich hab schon alles verstanden. Es gibt eine Hand voll einfacher Regeln, keine großangelegte Hermeneutik. Nichts, was einen auf Dauer verwirren würde – oder nicht mehr so stark wie früher. Vielleicht auch, weil man mittlerweile weiß, was Nolan mit einem vorhat.

In Inception geht es um Ideen. Darum, wie sie in uns reinkommen. Ideen haben es schwer, denn sie müssen durch allerhand Traumebenen durch, um sich in unserem Bewusstsein zu verankern. Träume sind zunächst mal pure Kreativität, sagt der Film. Und DiCaprio: „Nach unten ist der einzige Weg vorwärts.“ Ganz runter will man aber auch nicht, denn dann ist man im „Limbus“ – im rohen, unkontrollierbaren Unterbewussten. Dazwischen sind lauter Ballersequenzen – das Kino ist  immer noch der größte Ideengeber: Auf der Leinwand entstehen unsere Sehnsüchte und unsere Realität. Da kann man schon einmal etwas durcheinanderbringen – das ist die Idee, um die Inception kreist: „die Welt ist nicht real“. Es ist die gleiche Idee wie in allen Filmen Christopher Nolans.

Nolan trägt den Plot zu Inception seit 15 Jahren mit sich rum, also mindestens so lange wie die Handlung zu seinem ersten Film, Following. In dem ist nach wie vor alles, was Nolans Filme ausmacht. In Following beginnt ein arbeitsloser Schreiber Leute zu verfolgen. Um zu sehen, wohin sie gehen und was sie machen. Mit einem Kollegen bricht er in Wohnungen ein, immer auf der Suche nach dem, was den Menschen ausmacht: Eine Box mit den intimsten Gegenständen, Erinnerungen und Fotos – „wie ein Tagebuch“, sagt sein Komplize – „sie verstecken es, aber eigentlich wollen sie, dass man es findet“ – „Wir nehmen ihnen etwas weg, um ihnen zu zeigen, was sie hatten.“

Doch diese Version – jeder hat etwas, das seine Identität ausmacht – wird im Film schnell zerstört. Der Hauptdarsteller bricht mit seinem Kollegen in die eigene Wohnung ein, um etwas über sich zu erfahren. An seiner Tür klebt ein Batman-Aufkleber. In seiner Wohnung ist nur Chaos, sonst nichts. Keine Box. Nur ein Buch von dem Hauptideengeber Plato. Fazit: In uns drinnen ist nur Joker-Country, Chaos und Wahnsinn – reine Projektionsfläche, die irgendwie mit „Realität“ angereichert werden will.

Nun also Inception. Manchmal sehnt man sich auch hier danach, endlich neue Ideen eingepflanzt zu bekommen, um sich an irgendetwas festhalten zu können – Kino, gib uns ein bisschen Realität, ich mag meinen Wahnsinn nicht. Dieses komische Gefühl hält leider nur noch solange, wie man im Kinosessel sitzt. Nolan verursacht kaum noch Nachwirkungen.

Sebastian

Ein Kommentar

  1. marc heidemann
    31/08/2012 at 14:51 Permalink

    #1 first

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