Slime-Reunion: Kein Iro, nirgends

Foto: Libertinus, Lizenz: by-sa

Die Neunziger waren keine gute Zeit, um Punk zu werden. Alles schien ganz ok, und alte Helden, wie die Band Vorkriegsjugend, allein wegen des Namens nicht mehr in die Zeit zu passen: Denn keiner hatte mehr Angst vor einem Krieg. Und niemand wusste mehr so richtig, wofür oder wogegen man jetzt konkret noch sein könnte. Unpolitisch sein galt auf einmal als coole Haltung – Oi!. Und dass es nun vor allem Kinder waren, die mit ihren „Punks not dead“ T-Shirt die Bahnhöfe bevölkerten, veranschaulichte nur den Ernst der Lage.

Auch ich hatte so ein T-Shirt. Als sich Slime 1994 aufgelöst haben, war ich zwölf Jahre alt. Eigentlich entstand meine ganze Welt erst durch ihre CDs. Wegen Slime schaute ich nach, was „Yankees“ sind. Und vor allem wusste ich irgendwann, was mit Deutschland alles nicht stimmt. Ihre Platten waren unsere Grundausbildung. Wehe, man kannte einen Song nicht. Was ein Pseudo. Das dachten dann sogar wir, in unseren „Punks not dead“-Shirts. Schnell wurde uns damals klar, dass unsere Welt immer noch ein Alptraum ist, auch wenn das Lied dazu aus dem letzten Jahrzehnt kommt. Und wenn man nur laut genug aufdreht, dann kann man zu dem Alptraum sogar tanzen.

Meisten saßen wir aber nur. Und tranken. Wir wollten gar nicht mehr aufstehen. Haut zu Stein wurde unsere Hymne: „… du versuchst zu gehen, doch deine Haut wird Stein“ – und wir schrien in unserem Keller: „Haut wird Stein!“ Nur für Konzerte sind wir aufgestanden. Und rumgereist. Aber Slime gab es nicht mehr.

Dafür dann Rubberslime. Eine Mischung aus Slime und den Rubbermaids, die 2004 zusammen eine CD rausbrachten und auf Tour gingen. Nach ihrem Konzert war ich wahnsinnig frustriert. Zwar hat Dirk von Slime gesungen, auch alte Hits. Aber die klangen einfach nicht mehr so, wie das Original. Als ich ein paar Jahre später „The Wrestler“ im Kino sah, musste ich so immer wieder an Dirk denken: Auf ewig gefangen in der Rolle eines alternden Punkrockers. Zum Glück hat er weitergemacht. Denn die Show zum 30. Bandjubiläum am Mittwoch im SO36 war die geilste Zeitreise meines Lebens. Und der Typ neben mir stellte bei sämtlichen Lieder ihrer letzten CD Schweineherbst immer wieder aufs Neue fest: „Alta, es ist 1994!“

Dirk gab sich trotz Nostalgiebonus sichtlich Mühe, die Stücke aus den 80ern und 90ern durch die Ansage in die Gegenwart zu übersetzen. Das gelang manchmal (die Grünen sind für ihn die neuen Linken Spießer) und war manchmal peinlich („Wir haben ein Soli gespielt fürs Castor-Schottern. Da geht es darum, die Steine unter dem Gleis rauszuziehen und so den Zug zum Stillstand zu bringen – Stillstand!“). Wahrscheinlich hätte es die Sprüche gar nicht gebraucht. Alpträume sind zeitlos.

Am besten kamen die Lieder gegen die Staatsgewalt an und wurden immer von „Ganz Berlin hasst die Polizei“-Sprechkören umrahmt. Während Brüllen, Zertrümmern und weg zogen sich zwei Fans kurz die Skimaske über den Kopf, ehe sie von der Bühne in die Menge hechteten. Nach dem Konzert machten einige daraus Ernst und randalierten in der Oranienstraße. Überhaupt kamen die meisten im schwarzen Einheitslook. Ok, es war kalt, aber auch im Saal habe ich keinen einzigen Iro gesehen.

„Punk ist eine Kopfsache“ – das haben die etwas älteren Kollegen damals am Bahnhof auch immer gesagt. Nur zur Sicherheit habe ich mir am Schluss noch dieses wunderschöne T-Shirt gekauft – schwarz, mit weißem Stern und Schriftzug.

>> Dirk im Interview: „Ich habe alles verballert“

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