Teil 2: Absprung

Foto: Douglas Dollars, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Die sich fortsetzende Korrespondenz zwischen einem reichen und hilflosen Pärchen und ihrem verwöhnten und verschwenderischen Sohn –
Briefe von den Eltern 2 (Teil 1):

05.03.2010

“lieber sohn,

wir haben bereits 6 monate nichts von dir gehört, dafür umso mehr von deinen eskapaden! wiedermal wurde uns zugetragen, was passiert ist. anscheinend hast du dich kürzlich in san fancisco so “zulaufen” lassen, dass nicht nur der fußraum des beifahrersitzes eines taxis, welches du wohl nehmen musstest durch dein erbrochenes (wieder mal) in mitleidenschaft gezogen worden ist, sondern du anscheinend deinen “stuhl” nicht halten konntest. die rechnung der taxireinigung betrugen 467 dollar, welche wir unter keinen umständen begleichen werden! auch die blessuren, welche dir aufgrund dessen von dem taxifahrer beigebracht worden sind, werden wir nicht zur anzeige bringen. all das ist deine eigene schuld!
der gipfel jedoch ist, dass du es nicht nur geschafft hast, noch ein weiteres mal im krankenhaus während des magenauspumpens das bett voll zu „koten“ (vom hörensagen ein zum erbrechen bestialischer gestank – wie wir uns für dich schämen magst du dir nicht ausmalen!), sondern auch noch, als du wohl wieder relativ „klar“ warst, vorherig beschriebenes taxi auf irgend eine art und weise zu stehlen, damit durch die haupteingangstüre in die notaufnahme zu rasen und mit einem großen: “fickt euch alle – ihr scheiß-bourgeoisie-kapitalisten-wichser!” sich im krankenhaushemd zu verabschieden!!! solch ein verhalten können wir nicht länger hinnehmen, und die kosten trägst du! auf grund dessen, dass du dich im ausland aufhälst und wir deiner nicht habhaft werden können, haben wir uns dazu entschlossen, sämtliche deiner konten einzufrieren bis du dich bei uns meldest.

mit freundlichem gruß
deine eltern“

11.06.2010

„lieber sohn,

es ist bereits 9 ½ monate her, dass wir dich gehört oder gesprochen haben. wir empfinden dies als wahre zumutung! nachdem wir nun vor zwei tagen nach los angeles geflogen sind um dich endlich einmal leibselig zu erwischen, sind wir nach langer, vergeblicher suche nach dir in unser domizil nach miami gereist. mit erschrecken mussten wir feststellen, dass du bereits zuvor dort warst!
wir mussten eltern ihre völlig mitgenommenen töchter übergeben! bist du dir im klaren darüber, dass zwei von ihnen erst fünfzehn jahre alt waren??? ich hoffe inständig darauf, dass du fernab von aller zurechnungsfähigkeit keinen geschlechtsverkehr mit ihnen praktiziert hast. das eine mädchen war übel „zugedröhnt“, und ich konnte den vater unter versprechung einer gewissen geldsumme, welche ich wiederum von deinem bausparvertrag entnehmen werde, davon überzeugen, von einer expliziten anzeige abzusehen. des weiteren fanden wir eine dvd an welcher ein zettel mit unfassbarer inhaltsangabe klebte, welche wir deiner handschrift zuordnen konnten! deine mutter und ich wagten nicht dieses material einzusehen. im folgenden werde ich „auszüge“ aus der inahaltsangabe rezitieren. ich mache dies um dir die bandbreite deiner für uns wahnsinnig erscheinenden taten vor augen zu führen: „meine fi**enden eltern, heimlich gefilmt am 05.03. 2006“ – „meine fi**enden eltern, heimlich gefilmt am 13.02. 2007“ – „meine fi**enden eltern, heimlich gefilmt am 17.09. 2007“, usw. usw. unser einziger und liebster sohn! gehe in dich! es kann so nicht weitergehen. wir haben dein freies denken als auch deine künstlerische entfaltung immer unterstützt. deine bestrebungen als regissseur am stuttgarter staatstheater anzufangen haben wir über die maßen begrüßt. jedoch solche „stücke“ welche im höchsten maße das „privatleben“ deiner mutter und mir bloß stellen, lassen uns schaudern. nicht auszudenken, wem du diese filme „vorgeführt“ hast! wir als eltern sind sprach- wenn nicht sogar fassungslos! wenn du – geliebter sohn – den absprung schaffen möchtest, zurück in unsere, wahre realität, dann ergreife jetzt die chance. es gibt kaum einen anderen geeigneteren moment…

gezeichnet
in bestürzung
deine eltern“

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