#Guttbye und die Bodenständigkeit des Internets

Foto: Oszedo, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Was war der Beitrag des Netztes im Fall Guttenberg? Die Antworten auf diese Frage waren teilweise an Netzüberschätzung kaum zu überbieten. An anderer Stelle konnte man dagegen lesen, dass es „das Netz“ sowieso nicht mehr gibt – es gehöre längst zum Medien- und Politzirkus dazu, ist Mainstream geworden. Wenn man überlegt, wie stark eine Facebook-Gruppe die Berichterstattung der letzten Tage geprägt hat, könnte man sogar meinen, es sei der Star in der Manege. Was lernen wir daraus? Ein paar Gedanken zu den vergangenen Tagen.

Letzten Samstag zogen einige Alpha-BloggerInnen, der CCC, sowie Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg mit rund 500 Netzmenschen vors Verteidigungsministerium, um dem “Lügenbaron” ihre Schuhsohlen zu zeigen – “weil Worte nicht mehr ausreichen”, wie Initiator Hans Hübner sagte. Das war schön. Und hat deshalb innerhalb von wenigen Tagen soviele Leute angesprochen, weil der Aufruf ein Sachthema mit einer augenzwinkernden Geste kombinierte. Bis auf wenige (Plakat: „Von Gaddafi bis Guttenberg – wir kriegen euch alle!“) haben das auch die meisten verstanden.

Der Schuh war dabei allerdings nicht Symbol der Wut und Verachtung gegenüber einer Person. Vielen ging es gar nicht mehr um die Person, sondern um die Sache: Der Rücktritt sei nicht das Ziel gewesen, konnte man kurz nach Guttenbergs Statement auf den Seiten des GuttenPlag Wikis lesen, vielmehr gehe es um die kritische Auseinandersetzung mit der Doktorarbeit, und die werde weitergehen. Auch die DoktorandInnen kündigten sofort an, weiter Unterschriften zu sammeln – “denn es geht ums Prinzip!“

Klingt ein wenig langweilig. Der Schuh in Deutschland – das ist weniger der Revolutionsruf, sondern der Wunsch nach Bodenständigkeit: der Baron Münchhausen möge zurück auf sein Schloss, hier geht es ehrlich zu. Dass dieser Wunsch aus dem Netz kommt, jenem erfrischenden und zeitraubenden Hort des Unsinns, hat mir zunächst zu denken gegeben: Unterwirft sich das gehassliebte Internet nun endgültig der Zweckrationalität? Und mit Bezug auf die Demo: Kann man in Zukunft nicht einmal mehr in Ruhe irgendwo herumklicken, sondern muss für sein Anliegen sofort auf die Straße gehen?

Der heutige Samstag hat zum Glück gezeigt, dass es noch nicht so weit ist. Deutschlandweit waren Pro-Guttenberg-Proteste angekündigt. Viel geworden ist daraus nicht. Es scheint, dass einige scheinbar sogar zu realitätsfern sind, um eine Demonstration anzumelden. Und vor dem Brandenburger Tor stand lange nur ein geschniegelter Guttenberg-Fan mit seinem Schild herum. Zum Glück gesellte sich irgendwann Henryk M. Broder zu ihm. Eigentlich war er für „Die Welt“ unterwegs, musste jedoch bald allen Fernsehteams Interviews geben.

Die mindestens 30 Journalisten hatten es schwer, überhaupt Demonstranten zu finden – „die Medienleute machen das doch größer als es ist“, sagte eine Beobachterin, als sich wieder zehn Fotografen um eine Frau mit einem Pro-Guttenberg Zettelchen scharten. Als nach einer halben Stunde immer noch nichts passiert war, sagte eine Mensch mit Megafon: „Der Verfall der Werte ist leider überall zu beklagen, sogar unser Lautsprecherwagen ist unpünktlich.“ Was für ein Unsinn. Großartig (findet allerdings auch Henryk M. Broder) – großartig, weil die überaffirmativen GegendemonstrantInnen überall gewonnen haben.

Gelernt: Es ist gut, dass nicht jeder Klick sofort auf die Straße kommt.

Und: Bis zur gefürchteten Bodenständigkeit ist es noch ein Weile. (Oder?)

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