Die sich fortsetzende Korrespondenz zwischen einem reichen und hilflosen Pärchen und ihrem verwöhnten und verschwenderischen Sohn – Briefe von den Eltern 5 (Teil 1, 2, 3, 4)
03.02.2011
„lieber sohn,
wir sind wieder einmal zutiefst erschüttert. ich hoffe du kannst dir denken, warum. dass du auf unsere anrufe und briefe nicht reagierst, war uns schon seit einer weile klar, aber dass du auf dem geburtstag deiner cousine – sie ist gerade 18 jahre alt geworden, wie du hoffentlich weißt – vollkommen unbekleidet, außer mit etwas, dass deine schwester ganz augenscheinlich als „übergroßen mit was auch immer beschmierten umschnalldildo“ zu identifizieren wusste, macht uns wieder einmal über die maßen sprachlos. nicht nur, dass deine ankunft den bitteren beigeschmack meines in den gartenzaun „hineingepreschten“ ferraris hatte – nein: auch dieses mal mustest du von deiner besten seite glänzen, indem du nicht nur in die bowle „pissen“ musstest, sondern auch lauthals gröhltest: „die jugend ist vorbei! ab nun wird gefickt!!!“
Die Spex sucht verzweifelt nach neuen Protestsongs. Dabei hat die Band Ja, Panik gerade eine ganze CD mit ihnen aufgenommen.
Das schöne an der Band Ja, Panik ist ja, dass man sie ernst nehmen kann. Zumindest seit sie nicht mehr ständig den Exzess als Ausweg aus der postmodernen Langeweile besingt: In dem verschwurbelten Prolog zu Alles hin, hin, hin, eine Art verspätete Begründung für den eigenen Bandnamen, hieß es vor zwei Jahren: ”Den Prozess der Kybernetisierug aufzuhalten und das Empire zu stürzen, verläuft über eine Öffnung für die Panik.” Die Panik hat etwas befreiendes. Ganz im Gegensatz zur Angst. Angst blockiert, sie ist handlungshemmend, sie verändert nichts, sie vermeidet. Wer aber der Panik des öfteren begegnet, der wird versuchen, sein Leben zu ändern. So die Theorie.
Jetzt ist das neue Album erschienen, es heißt DMD KIU LIDT. Darauf wird viel gesprochen, geflüstert und geschrien – ein permanenter Mix aus deutsch und englisch mit gelegentlichem wienerischen Einschlag. Ja, Panik sind ruhiger geworden, ihre Lieder heißen jetzt This Ship Ought to Sink oder Suicide. ”I didn’t burn my guitar, but yes I burnt the manifestos”, singt Andreas Spechtl in The Horror – dabei schreibt er die ganze Zeit Manifeste, vor allem für den österreichischen Radiosender fm4: “Vom Überleben in der Metropole” heißt die Serie, in der er immer wieder Textpassagen des Albums aufgreift.
Dass man sich Revolutionen eigentlich nie so richtig vorstellen kann, räumte Taz-Chefin Ines Pohl gleich zu Beginn vom Taz/Freitag-Medienkongress “Die Revolution haben wir uns anders vorgestellt” ein: Als der Kongress vor einem halben Jahr geplant wurde, habe noch keiner ahnen können, was sich jetzt in der arabischen Welt abspiele, sagte Pohl. Um den Ereignissen gerecht zu werden, habe man das Programm deshalb immer wieder umstellen müssen.
Die “digitale Revolution” scheint uns dagegen schon eine halbe Ewigkeit zu begleiten. Und, das ist ja das schöne, trotzdem gehen die Vorstellungen darüber, was sie für uns bedeutet, immer noch weit auseinander und reichen vom wirkunsvollstes Instrument des Kapitalismus bis hin zur Erlösung von der eigenen Körperlichkeit – oder, in unserem Fall: Philosoph Joseph Vogl vs. K1-Bewohner und Dschungelcamper Rainer Langhans.
Die sich fortsetzende Korrespondenz zwischen einem reichen und hilflosen Pärchen und ihrem verwöhnten und verschwenderischen Sohn – Briefe von den Eltern 4 (Teil 1, 2, 3)
03.01.2010
„lieber sohn,
nach unserem letzten intermezzo – und ich hätte nie geglaubt, dass ich das einmal sagen würde – bin ich froh, dass du es einmal geschafft hast, eine unserer forderungen einzuhalten. der wagen war unversehrt in der via moscowa, bis auf dass du während der ganzen „reise“ anscheinend mit angezogener handbremse fahren musstest. auch unser letztes telefongespräch – das erste, seit 1 ½ jahren, welches deine mutter und ich mit dir führen durften! – war recht erfrischend. wie gehabt werde ich die kosten für die „abgeschmierte“ handbremse mit deinem guthaben auf dem bausparkonto begleichen. auf deine bitte hin hatte ich dich an einen guten freund und geschäftspartner nach hong kong vermittelt. leider ist dein vorstellungsgespräch auf grund besorgnis erregender umstände schlecht verlaufen. aus guter quelle wissen wir, dass du nicht nur mit einer zum himmel „stinkenden“ alkoholfahne bei meinem geschäftspartner „aufgekreuzt“ bist. wir hatten schon gerüchte von bekannten zu ohren bekommen über dein „problem“. viel bestürzter waren wir über die rechnung welche uns dein hotel zustellte. du hast nicht nur die minibar x-mal geplündert sondern auch einige „runden“ in der hotelbar geschmissen. nicht nur, dass du zum wiederholten male frauen gegen bezahlung auf dein zimmer genommen hast, konntest du dir es wiederum nicht nehmen lassen, dem hotelmanager auf die schuhe zu urinieren, weil der keinen „alk“ mehr ausschenken lassen wollte. lieber sohn! es gibt lösungen für jedes problem! ich habe kontakte zu suchtkliniken – weltweit! (wer weiß warum) lass dir helfen! melde dich bald…
in liebe
deine sich sorgenden eltern
p.s.: die hotelrechnung begleichen diesmal wir – wegen deines guten willens…“
Mit Žižek ist wie mit jedem anderen Phänomen, das man mal ganz interssant fand: Irgendwann nervt es einen. Ich bin trotzdem noch einmal hin, am Donnerstag Abend. Da redete Žižek an der FU-Berlin. Alles war voll, hinter mir Genuschel: “Hast du ihn schon mal gehört?” – “Nicht live.” Zwischenrufe und leise Buh-Rufe trafen die Vorredner, angespannte Stille dagegen beim Vortrag von Žižek – “Is it Still Possible to be a Hegelian Today?” lautete der Titel.
Ja, möchte man sofort antworten, es scheint noch eine Menge von ihnen zu geben. Der Hegelianer macht Krisen zu Chancen: Die Finanzkrise ist für ihn Vorbote einer neuen Weltwirtschaftsordnung, die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko Signal für die Befreiung vom Öl, und Fukushima das Ende des Atomzeitalters. Die Aufstände in der arabischen Welt müssen sowieso Zeichen des vernünftigen Fortschreiten der Weltgeschichte sein, in Libyen sollte man da gar nicht mehr nachhelfen, die “List der Vernunft” werde es schon richten. Gegen diese falsch verstandene “List der Vernunft” redete Žižek in seinem Vortrag an.