Digitale Revolution: „Ein bisschen Körper wird schon bleiben“

Dass man sich Revolutionen eigentlich nie so richtig vorstellen kann, räumte Taz-Chefin Ines Pohl gleich zu Beginn vom Taz/Freitag-Medienkongress „Die Revolution haben wir uns anders vorgestellt“ ein: Als der Kongress vor einem halben Jahr geplant wurde, habe noch keiner ahnen können, was sich jetzt in der arabischen Welt abspiele, sagte Pohl. Um den Ereignissen gerecht zu werden, habe man das Programm deshalb immer wieder umstellen müssen.

Die „digitale Revolution“ scheint uns dagegen schon eine halbe Ewigkeit zu begleiten. Und, das ist ja das schöne, trotzdem gehen die Vorstellungen darüber, was sie für uns bedeutet, immer noch weit auseinander und reichen vom wirkunsvollstes Instrument des Kapitalismus bis hin zur Erlösung von der eigenen Körperlichkeit – oder, in unserem Fall: Philosoph Joseph Vogl vs. K1-Bewohner und Dschungelcamper Rainer Langhans.

„Eine wunderbare Quelle des Betrugs und der Täuschung“

Das Panel „Kulturelle und gesellschaftliche Folgen der Digitalisiering„, mit dem Philososphen Joseph Vogel und der Journalistin Mercedes Bunz, war aus meiner Sicht die beste Runde. Ersterer hatte küzlich das Buch „Das Gespenst des Kapitals“ geschrieben und legte dar, inwieweit das Internet dem Finanzkapital zum Durchbruch verholfen hat. Dank des Netzes könne das Kapital nun global und in Echtzeit operieren. Mittlerweile habe ein Informationsstandard den Geldstandard abgelöst, mit der Folge, dass unsere sämtlichen sozialen Beziehungen ökonomisiert würden.

Mercedes Bunz führte aus, wie das Netz die alte Wissensordnung zerstört habe: Wir könnten uns nicht mehr auf eine bestimmte, durch Experten vermittelte, Faktenlage einstellen, sondern müssten das Geschehen immer wieder neu einschätzen. Das führe zu dem Gefühl der Überforderung, der Angst, abgehängt zu werden und den Anforderungen nicht mehr zu genügen. Diese Angst werde zum ständigen Begleiter der Arbeit und nütze dem Kapital. Das Resultat: Die soziale Misere in Wohlstandsgesellschaften sei heute nicht mehr in der physischen Ausbeutung der Arbeiter zu finden, sondern im Anstieg der Depressionskrankheiten.

Was man dagegen tun kann? Das Problem sei, sagte Bunz, dass wir meinten, wir verwirklichten uns durch dieses Medium selbst – wie solle man aber gegen sich selbst Widerstand leisten? Auf diese Frage wisse bisher keiner eine Antwort. Dennoch zeigte sie sich optimistisch, dass selbst im durchökonomisierten Netz eine Gegenbewegung entstehen könne: „Wir müssen von der Maschine auch etwas verlangen“. Statt immer nur die neuen Arten des Kapitalismus zu kritisieren, sollte man etwas positives entgegensetzen. Vogl ergänzte: „Das Internet ist eine wunderbare Quelle des Betrugs, der Störung und der Täuschung. Diese Quellen sollte man nutzen.“ – Eine nette Runde, nach der sich mir wieder die Frage aufgedrängte, inwieweit man die Depression politisch besetzen und zum Ausgangspunkt einer möglichen Gegenbewegung machen könnte.

Wer braucht schon Sex, wenn es Facebook gibt?

Rainer Langhans zumindest hätte dem nicht viel abgewinnen können. „Das Internet ist der Beweis dafür, dass wir gewonnen haben“, sagte er am Nachmittag auf dem Pannel „Die neuen 68er?„. Durch das Netz könne der grausame Materialismus, der in Fukushima wieder einmal vor die Wand gefahren sei, überwunden werden. Das Netz, die permanente Kommunikation, sei dagegen eine Form der Liebe, eine vergeistigte Form des menschlichen Miteinanders – jenseits der lästigen Körper und deren Überlebenskämpfe. Wer braucht schon noch Sex, wenn es Facebook gibt? In der vergeistigten Welt herrsche endlich Friede. „Ja, weil wir dann alle tot sind“, rief jemand dazwischen. „Ein bisschen Körper wird schon bleiben“, sagte Langhans darauf, die Leute sollten auch ein wenig Sport machen, um nicht zu sehr in die Breite zu gehen.

Ganz verzichten will Langhans auf den Körper allerdings doch nicht: Zum Schluss sagte er, dass die maschinelle Kommunikation nur die Vorstufe zu einer rein-menschlichen Kommunikation sei: „Denn Liebe ist ja eigentlich ohne Maschinen.“ (Nachzulesen auch in seinem Internet-Manifest, das Langhans vor zwei Jahren geschrieben hat und auf dem Kongress auslegte.)

Öffentlichkeit statt Anonymiät

Schon am Abend zuvor eröffnete Evgeny Morozov den Kongress mit einem etwas wirren Vortrag, der für die, die im Thema drin sind, nicht viel neues bot, und für die, die sich dem zum ersten Mal dem Thema aussetzen, war wahrscheinlich kein roter Faden zu erkennen. Morozov warnte davor, das digitale Engagement zu überschätzen und brachte Beispiele, wie Regierungen das Netz zu ihren Zwecken nutzen. Interessant vor allem ein Beispiel aus dem Sudan: Laut Morozov habe die sudanesische Regierung einige Fake-Accounts auf Facebook erstellt und damit damit die Pinnwände kritischer Facebook-Seiten zugemüllt. Die Konsequenz: Facebook habe die Seiten deaktiviert.

Außerdem forderte Morozov Technologie-Unternehmen mehr in die Verantwortung zu nehmen. Es könne nicht sein, dass wir von global agierenden Energieunternehmen eine ethische Verantwortung einfordern, von Technologieunternehmen dagegen nicht, weil wir glauben, sie agierte im Zeichen des Fortschritts. Dabei lieferten sie das Equipment für Überwachunsarchitekturen in anderen Ländern.

Interessanterweise sagten in der folgenden Gesprächsrunde die Bloggerinnen aus Tunesien und Ägypten entgegen Morozovs Sorge, dass sie ohnehin mit ihrem echten Namen im Netz unterwegs seien. Die Öffentlichkeit ihrer internationalen Netzwerke spende ihnen mehr Schutz als die Anonymität. Das bestätigte auch die kubanische Bloggerin Yoani Sánchez in ihrer Videobotschaft.

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