Žižek an der FU: „Ich setz mich lieber an den Rand“

Mit Žižek ist wie mit jedem anderen Phänomen, das man mal ganz interssant fand: Irgendwann nervt es einen. Ich bin trotzdem noch einmal hin, am Donnerstag Abend. Da redete Žižek an der FU-Berlin. Alles war voll, hinter mir Genuschel: „Hast du ihn schon mal gehört?“ – „Nicht live.“ Zwischenrufe und leise Buh-Rufe trafen die Vorredner, angespannte Stille dagegen beim Vortrag von Žižek – „Is it Still Possible to be a Hegelian Today?“ lautete der Titel.

Ja, möchte man sofort antworten, es scheint noch eine Menge von ihnen zu geben. Der Hegelianer macht Krisen zu Chancen: Die Finanzkrise ist für ihn Vorbote einer neuen Weltwirtschaftsordnung, die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko Signal für die Befreiung vom Öl, und Fukushima das Ende des Atomzeitalters. Die Aufstände in der arabischen Welt müssen sowieso Zeichen des vernünftigen Fortschreiten der Weltgeschichte sein, in Libyen sollte man da gar nicht mehr nachhelfen, die „List der Vernunft“ werde es schon richten. Gegen diese falsch verstandene „List der Vernunft“ redete Žižek in seinem Vortrag an.

Das große Missverständnis sei, so Žižek, dass man in der Hegel-Kritik stets versuche, eine Verbindung von einer Philosophie der Totalität hin zum Totalitarismus zu zeichnen – eine Linie von „Plato zur NATO“. Postmoderne Denker versuchten in der Folge zu zeigen, dass sich irgendetwas immer dieser Totalität entziehe – ein nicht integrierbarer Rest, eine Differenz, oder wie auch immer man das nennen mag.

„Irgendwas geht immer schief“

Wenn Hegel von „Totalität“ spricht, so dagegen Žižek, schließe das bereits alle Symptome, Exzesse und Differenzen mit ein. Hegel habe nichts mit der naiven Vorstellung eines „absoluten Wissens“ gemein, nichts mit der Idee eines sinnvollen Verlaufs der Geschichte: „List der Vernunft“ bedeute nicht, dass sich die Geschichte nach den Regeln der Vernunft entfalte, sondern: „Irgendwas geht immer schief“, so Žižek. Diese „Fehler“ erscheinen allerdings im Nachhinein als Notwendigkeit. Der Tod Gottes zum Beispiel. Die schlechte Nachricht: Es gibt keinen „großen Anderen“ mehr, keine außenstehenden Bedeutungsgarant. Dafür ist der Mensch von nun an frei. Beispiel Französische Revolution: Nur auf den jakobinischen Terror konnte die französische Republik folgen. Es gibt also keine inherente Notwendigkeit im Lauf der Geschichte, die schaffen wir immer erst im Nachhinein. Die Geschichte ist offen, sie wird durch Ereignisse verändert.

Wieso dann Hegel heute? Wie Hegel, so lebten auch wir heute in einer Epochenwende, so Žižek. Es sei Zeit, zu Hegel zurück zu kehren und die Welt wieder zu interpretieren. Im 20. Jahrhundert habe man die Welt zu schnell ändern wollen. Klar, ein paar Dinge habe Hegel noch nicht erkennen können, z.b. die Exzesse des Kapitals, wie sie Marx beschrieben habe. Aber dessen Begriff des Klassenkampfes müsse ebenfalls erweitert werden: Es gebe keine einheitliche Arbeiterklasse mehr, dazu gehörten heute vom Prekariat bis zu den Sans-Papiers eine Reihe von Gruppierungen.

Solidarität dank Starbucks

Was sollte man laut Žižek tun? Vor allem dem Gerede vom Ausnahmezustand widerstehen. „Wir müssen etwas tun!“, heiße immer auch: „Denkt nicht drüber nach!“ Von allen Seiten versuche man uns am Denken zu hindern, ja, wir können uns sogar davon loskaufen: Starbucks zum Beispiel sei so teuer, weil ein Teil des Preises den Arbeitern auf dem anderen Kontinent zukomme, so das Verkaufsargument. „Wir bezahlen für ein Produkt und bekommen das solidarische Denken für einen Aufpreis mit dazu. Wir sind zu reinen Konsumenten geworden“, so Žižek. Frenetischer Beifall. Nach fünf Sekunden hebt Žižek die Arme: „Genug, Hört lieber auf. Wenn wir linken Hardliner erstmal an der Macht sind, dann werdet ihr noch genug applaudieren müssen.“ Es wird leiser.

Man muss Žižek zu Gute halten, dass er hat mit Hegel und der Psychoanalyse Jacques Lacans eine analytische Zange geschaffen hat, mit der sich beinahe jedes Phänomen irgendwie greifen lässt. Klar, das meiste wiederholt sich. Eben auch, dass er, ebenso wie Alain Badiou, immer wieder den Kampf der Palästinenser zum universalen Kampf für die Freiheit verklärt und fast jede sich bietende Gelegenheit zum Israel-Bashing nutzt. Zuletzt in einem Interview mit Al Jazeera, bei dem es eigentlich um die Revolution in Ägypten ging.

Mir geht Žižek deshalb immer häufiger auf die Nerven. Am Donnerstag war es noch erträglich. Trotzdem: Der beste Satz an dem Abend kam nicht von vorne, sondern von schräg hinter mir: „Ich setz mich lieber an den Rand, ich muss früher weg.“

(Ein Mitschnitt vom FU-Vortrag soll bald im Netz stehen. Solange muss die obige Variante reichen.)

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