Das neue Facebook: Waffe gegen den Selbstzweifel

Vor ein paar Tagen habe ich die neue Facebook-Timeline freigeschaltet. Das ist schon nett, so durch die vergangenen Jahre zu scrollen. Meinen ersten Eintrag schrieb ich im März 2008: „is at the bar“. Und kurz darauf: „is finally working on a pathetic online existence.“ Diese Arbeit geht wohl noch eine Weile weiter. Für die taz habe ich mal aufgeschrieben, warum wir diese Arbeit überhaupt auf uns nehmen, warum trotz der Kritik an Facebook und anderen Web-Oligarchen immer noch so viele Menschen scheinbar so sorglos mit ihren Daten umgehen.

Ich glaube, es handelt sich dabei um ein Tauschgeschäft. Facebooks Geschäftsmodell besteht aus einer mächtigen Illusion, die da lautet: Tausche deine Daten gegen ein „schönes Leben“. Im Grunde schließt der Text an den schon einmal von mir gemachten Versuch an, Profilbildung im Netz in erster Linie als Versuch zu verstehen, die eigenen Zweifelspiralen zu überwinden (siehe hier und hier). Der Text kommt nach dem Klick.

Mit der neuen Facebook-Timeline werden die User noch mehr Privates in die Öffentlichkeit tragen. Warum Menschen freiwillig den Daten-Kraken füttern.

Über die neuste Facebook-Runderneuerung wird leidenschaftlich gestritten. Für Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs, geht es um nicht weniger als die „Spaltung der Online-Bevölkerung in zwei Gruppen„: die, die glauben, nichts zu verbergen zu haben; und die, denen die Erfassung ihrer digitalen Lebensäußerungen immer unheimlicher wird. Der Graben zwischen beiden werde immer größer.

Das Web gehöre mittlerweile ein paar Konzernen, schreibt auch der Guardian. Und da wir weder für Facebook, Google oder Twitter zahlten, seien wir selbst Produkte, unsere Daten und Identitäten gehörten anderen. Das neue Facebook sei deshalb das „Ende des Webs, wie wir es kannten“.

Die SZ dagegen hofft, dass die Facebook-Monokultur nicht siegen wird. Und fragt mal wieder: Warum einem Konzern mitteilen, wann wir welches Lied hören, warum ihm die Rechte an all unseren Bildern überlassen, warum überhaupt so viel Privates in die Öffentlichkeit tragen?

Die Antwort: Für uns selbst. Das neue Facebook ist nicht das Ende des Webs, wie wir es kannten, sondern nur die konsequente Weiterentwicklung dessen, was es immer am besten konnte: unserem Selbst einen Halt geben. Wie das funktioniert, kann man in einem Video bestaunen, in dem Don Draper, Serienheld der US-Fernsehserie „Mad Men“, die neue Timeline vorstellt.

Eigentlich war es ein Diaprojektor, für den sich Draper in einer Episode eine Kampagne ausdachte. Doch die Präsentation passt genauso gut zum neuen Facebook, dachte sich jemand und fügte statt der verwaschenen Fotos der Retro-Serie Bilder von Drapers imaginärem Facebook-Profil ein. Erfolgreiche Produkte, sagt der darin, brauchen immer emotionale Komponenten.

Klick. Das erste Bild erscheint in dem verdunkelten Raum. Man sieht Drapers Facebook-Profil, ein Bild von ihm und seiner Frau Betty, der gemeinsamen Tochter, Bilder aus seiner Kindheit. Das hier, sagt er, während der Projektor durch die Jahre rattert, ist wie eine Zeitmaschine: sie wieder besuchen, sie lässt uns reisen wie ein Kind – hier hin, dort hin … und wieder nach Hause.

Etwas unbeholfen wirkte dagegen Mark Zuckerberg bei der „echten“ Timeline-Vorstellung. Aber wie wichtig das eigene Profil heute ist, weiß er. Damit werden die Menschen viel Zeit verbringen. Nicht um es zu pflegen – sondern um in der Vergangenheit zu schwelgen.

So sehr man sich auch wünscht, dass sich die Frontlinien gegen den Netz-Datenkraken verschärfen, so nüchtern muss man die Frage beantworten, warum ihm so viele Menschen ihre Identität anvertrauen: weil sie dafür ein kohärentes Profil bekommen. Vielleicht kann man bald auf anderen Plattformen besser kommunizieren – aber darum geht es nicht. Diese Facebook-Revolution ist eine andere. Sie besteht in der konsequenten Weiterentwicklung der großen Utopie des Netzes: dem Versuch, Selbstzweifel zu bändigen.

Was früher Gott, die Mathematik oder der Staat leisteten, müssen wir scheinbar unabhängigen, selbständigen Menschen heute selbst leisten: uns eine sinnstiftende Erzählung schaffen. Unser Profil spiegelt uns diese Erzählung, immer dann wenn wir sie brauchen. Und dieses Selbstbild sollen dann natürlich auch andere Menschen sehen.

Wahrscheinlich ist es so einfach. Und wahrscheinlich ist Facebook deshalb so ein gutes Geschäftsmodell: Kaum jemand hat Lust, die eigenen Daten zu kontrollieren, solange er nur die eigene Timeline kontrollieren kann. Gerade wenn außen herum das Leben immer flüchtiger zu werden scheint: am eigenen Profil kann man sich festhalten.

Und diejenigen, die die neue Timeline bereits aktiviert, ihre ersten Facebook-Sätze und Fotos wieder erblickt, ein paar davon größer gezogen und ein paar Statusmeldungen verborgen haben sowie in ihrer Zeitleiste bis zur eigenen „Geburt“ zurückgescrollt sind – auch die werden sich gedacht haben: Was ist das nur für eine hässliche Lücke, die sich da von der Geburt bis zum ersten Eintrag 2008 auftut?

So etwas wird mir ab sofort nicht mehr passieren. Ich brauche also mehr Bilder. Aber ansonsten war es ja bisher ein ganz schönes Leben.

(zuerst erschienen in der taz vom 30.September 2011 und auf taz.de)

4 Kommentare

  1. Albert
    01/10/2011 at 16:35 Permalink

    Bist du dir ganz sicher, dass du vor 2008 bereits existiert hast, Sebastian?

  2. Sebastian
    03/10/2011 at 20:47 Permalink

    … vereinzelte Markierungen könnten darauf schließen lassen – aber für mich werden diese Jahre wohl immer ein dunkles Zeitalter bleiben.

Trackbacks

  1. [...] Marion | PHOTODONUTS PHOTOGRAPHY INSPIRATIONFrau … äh … Mutti » Archiv » Liebe PR-Menschen,Das neue Facebook: Waffe gegen den…

  2. » link dose 04.10.2011 04/10/2011 at 12:24

    [...] Waffe gegen den Selbstzweifel? Warum Menschen freiwillig den Daten-Kraken füttern. [...]

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