Robert Misik im Betahaus: Ist der Apfelkuchen noch gut?

Würde man Fische fragen, wie es auf dem Meeresboden ist, würden sie vermutlich alles Mögliche sagen. Nur nicht, dass es dort nass ist. Experten sind da ähnlich: Sie übersehen das Offensichtliche, das ganz Banale. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung und Die Linke haben am Samstag eine ganze Menge Experten ins Betahaus geladen, zur Konferenz Netz für Alle. Auch der Wiener Publizist Robert Misik war dabei. Er stellte sich mit der kleinen Fisch-Anekdote selbst als Nicht-Spezialist vor und suchte in seinem Vortrag nach dem ganz Offensichtlichen: Was ist also das Banale am Internet?

Für Misik versteckt es sich hinter der Diksussion über die Frage, ob das Netz nun gut oder schlecht für die Demokratie sei. Im Grunde sagte Misik, was er bereits in seinem Videoblog zu dieser Frage gesagt hat (ab Min. 1,40): Die Diskussion um ein Pro und Kontra des Netzes folgt längst den Regeln der medialen Aufmerksamkeitsökonomie. Auf der einen Seite die, die meinen, das Netz sei Motor für Demokratie. Sie reden ständig von Facebook-, Twitter-, und Wikileaks-Revolutionen.

Auf der anderen Seite die Skeptiker. Die sagen, das Netz werde längst von ein paar großen Playern beherrscht, bestehe nur aus Gefällt-Mir-Klickern und diene vor allem der Überwachung der Nutzer. Diese zwei Positionen müssen nun immer weiter zugespitzt werden, um im medialen Zirkus überhaupt noch wahrgenommen zu werden – die jeweils andere Seite wird ausgeblendet.

Vorsicht vor Kulturpessimisten!

Dabei geht laut Misik die banale Einsicht verloren, dass die Wahrheit nicht nur schwarz oder weiß ist: Ja, über das Netz kann man toll mobilisieren, es eröffnet einen Freiraum für Kommunikation – der überwacht werden kann. Ja, das Netz dient der Entfaltung des Einzelnen, ist aber genauso ein Raum für Narzissmus. Und das Netz macht etwas mit unserer Konzentration („Ich tue mir mittlerweile selbst schwer, zu lesen – Bücher schreiben, das geht noch, aber lesen…“). Wer aber glaubt im Netz sei alles schlecht, und früher ohnehin alles besser, der müsse schon „eine schweren kulturpessimisitischen Hieb haben“. Im großen und Ganzen sei das Netz also „eher gut“.

Damit sind wir allerdings noch nicht ganz am Meeresgrund der Debatte angelangt. Denn das Banale rund ums Internet-Pro und -Kontra ist ja nicht, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt. Das Banale ist eher die Frage an sich. „Genauso könnte man fragen, ob ein Apfelkuchen nun gut oder schlecht ist. Anstatt eben die Eigenschaften zu beschreiben, die ein Apfelkuchen hat“, bemerkte  ein Fragensteller. Warum also keine strukturellen Erklärungen von Misik? Wo er doch die Eigenschaften und Pathologien unserer gesellschaftlichen Großbäckerei immer wieder eingehend beschrieben hat.

Wahrscheinlich ist es einfach so, dass Misik gar nicht der Meinung ist, dass der Apfelkuchen namens „Internet“ langsam immer schlechter schmeckt – trotz zunehmender Kommerzialisiserung. Vielleicht habe Facebook sogar mehr für die Demokratie getan, als die ganzen selbstgebastelten, sektiererischen Nerd-Projekte?, fragte er zum Schluss.

Und das ist nur ein „vielleicht“ von vielen: Misik begrüßt im Gegensatz zu vielen Hardlinern Frank Schirrmachers neu entdecktes Faible für Kapitalismuskritik (s.o. – zu Beginn mit einer herrlichen Abrechnung zu „pseudoobjektivem Jorunalismus“). Er findet sogar, es sei dumm, darauf zu hoffen, dass sich der Kapitalismus selbst zerstört (!!!) und grenzt sich immer wieder von „revolutionärem Maulheldentum“ ab – ich empfehle also hiermit Robert Misik auf Facebook.

Für eine beherrschbare Infrastruktur

Constanze Kurz vom CCC hatte in ihrer Rede zuvor drei Punkte unter dem Motto „Netz für Alle“ zusammengefasst: Internetzugang müsse endlich zur Infirmationsgrundversorgung gehören – bisher fallen darunter nur Fernsehen und Radio. Den Kampf für Netzneutralität. Sowie die Offenlegung der Deep Packet Inspection-Praktiken einzelner Provider. Die durchforsten bereits seit drei Jahren versendete Datenpakete, ohne dass jemand weiß, wonach da gesucht wird.

Zum Schluss sagte Kurz, dass die Entscheidungen der Politik und die Urteile des Bundesverfassungsgerichts rund ums Netz auch in andere Länder ausstrahlten – es gehe bei den Debatten also nicht nur um Web 2.0-Spacko-Spielereien, „sondern um den Kampf für eine Infrastruktur, die von uns beherrschbar ist.“

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