„Es hätte so schön sein können“

Zeichnung: Björn

Nach Inception haben wir es endlich wieder mal geschafft, zusammen ins Kino zu gehen – und zwar in „Melancholia“. Zwei Briefe an Lars von Trier.

Lieber Lars,

ich hoffe, es geht dir gut. Hast du dich von deinen Anfeindungen erholt?

Ich habe unlängst „Drive“ von deinem Landsmann Nikolas Windig Refn gesehen. Ein Meisterwerk. Wunderschöne Bilder. Eine Kameraführung, die ihres gleichen sucht. Ganz fantastisch auch die 80er Musik und der eingebettete Score von Angelo Badalamenti. Alles ist stimmig, das Tempo, das Casting – darunter Ryan Gosling und Albert Brooks – einfach großartig. Carey Mulligan als alleinerziehende Mutter, hin und her gerissen zwischen ihrem Mann, der gerade aus dem Knast kommt, und dem Driver, spielt phänomenal – wie in „Never Let Me Go“ von Mark Romanek.

„Drive“ ist ein Actiondrama, bei welchem sehr schnell klar ist, dass alles den Bach runtergeht. Trotz dieser Erkenntnis in der Mitte des Films will man immer weiter. Dieser Film fesselt. Es ist also ob man selbst ins offene Messer rennt, aber es gibt keinen Weg zurück. Man fiebert mit dem Hauptdarsteller mit – bis zum bitteren Ende. Ganz großes Kino!

Dein Film dagegen – und das tut mir sehr leid, aber ich muss es offen sagen – ist ein großer Haufen Kacke. Sicherlich, er hat sehr schöne Bilder. Und Kirsten Dunst, die im echten Leben genauso depressiv ist wie du, spielt ihre Rolle durchaus genauso überzeugend wie Charlotte Gainsbourg. Auch Kiefer Sutherland – meiner Meinung der wahre Hauptdarsteller des Films – zu casten, war ein kluger Schachzug, denn man klammert sich an diesen Actionheld, der alles zusammenhält. Kurz vor der Katastrophe bringt er sich selbst um die Ecke. Und als Zuschauer hat man den zusammen haltenden Charakter verloren – das war nicht schlecht.

Der einleitende Prolog mit seiner Bildgewalt wäre fantastisch gewesen, würde einem nicht Wagners Ouvertüre nach einer halben Minute tierisch auf den Sack gehen. Was dann kommt, die „Handlung“, eine desaströse Hochzeit im ersten Kapitel und eine sich aufopfernde Schwester im zweiten, ist dermaßen banal, dass ich mich fragte: Was schaue ich mir hier an? Was soll das? Wierende Pferde, huch, wie aufregend! Schlußendlich „Melancholia“, der zweite Planet – Inbegriff der Depression – der die Erde auslöscht … come on! Diese prätentiöse Scheiße kannst du deinem Psychologen zeigen, aber nicht einem breiten Kinopublikum!

Mach’s gut, mach’s besser!
Bis bald.
Dein Björn

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Lieber Lars,

jaja, man merkt schon, wieviel Spaß du bei der Inszenierung des Weltuntergangs hattest. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Dreharbeiten für dich und Kirsten gar keine Arbeit mehr waren … sondern, nun ja: Spaß. Und das hat dir Angst gemacht.

Dabei ist es doch genau das, was Melancholiker eben tun: Betrunken traurige Musik hören. Oder, wie es Robert Burton, der ehrwürdige Mönch, in seiner 500-Seiten dicken „Anatomie der Melancholie“ vor ein paar hundert Jahren ausdrückte: „Ich schreibe über die Melancholie, um nicht melancholisch zu werden.“ Für Burton wächst die Melancholie aus der Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit und der Sinnlosigkeit des Lebens. Wie ist das eigentlich bei dir, Lars?

Zumindest lastet die innere Leere stets so schwer auf deinen Schauspielern, dass sie irgendwann keinen Schritt mehr tun können. Wie Kirsten sich da durch den Garten schleppt, das tut schon weh. Überall zerren die Wurzeln der Bäume an ihr, sie kommt kaum vorwärts. Später sagt sie: Ich kann nichts mehr sehen, überall sind Spinnennetze.

Davor die Hochzeitsnacht: Kiefer Sutherland, Finanzier des prunkvollen Fests, sagt ihr: „Du hast jetzt die Pflicht, glücklich zu sein!“ Und der naive Bräutigam präsentiert ihr stolz das Foto von einem Stück Land. Das hat er gekauft hat, um sie „endlich“ glücklich zu machen – sooo ein schönes Stück Land, mit den roten Äpfeln – in „genau der richtigen Süße“!

Spätestens dann ist es aus. „Ich kann nicht mehr laufen“, sagt Kirsten und will sich bei ihrer Mutter anlehnen. „Aber du kannst wanken. Also wanke wieder nach draußen!“, ihre Mutter. Nichts geht mehr. „Ich hab es versucht“, sagt sie später zu ihrer Schwester. „Ja, du hast es versucht“.

Das, Lars, muss das schlimmste für dich sein, oder? Dieses Lachen. Je glücklicher die anderen zu sein scheinen, desto anstrengender wird es für einen selbst. Den ganzen Film über wackelt deine Kamera, zieht sogar in der Totalen immer noch mal kurz nach links, nach rechts. Es gibt keine Stille, nirgends. Alles ist eine anstrengede Perfomance. Doch je näher „Melancholia“ kommt, desto ruhiger wird das Bild. Kiefer Sutherland hat da längst seine Schlaftabletten eingewürfelt. Er kann nicht mehr. Kirsten kann wieder. Sie wird immer ruhiger. Endlich Klarheit. Es ist vorbei. Dieses Spiel, an dem man irgendwie nicht teilhat.

Im Grunde hast du der Todessehnsucht ein Denkmal gesetzt, Lars. Deshalb sorry für den pathetischen Schwachsinn mit dem „betrunken Musik hören“. Das will nämlich Kirstens Schwester auch: „Lass uns doch zusammensein, wenn es passiert, ein Glas Wein trinken, Musik hören,“ fleht sie Kirsten an. Kirsten schaut sie entgeistert an: „Das ist eine Scheiß Idee.“

Es ist die gleiche Idee, die Kirstens Bräutigam hatte, als er sie nach der desaströsen Hochzeitsnacht mit den Worten verlässt: „Es hätte alles so schön sein können.“ Und sie: „Ja, hätte es. Aber was hast du erwartet?“

Dann krachen die Planeten ineinander. Endlich Stille. Im Kino mussten ein paar anfangen zu lachen, so still war es.

Weiterhin also viel „Spaß“!
Sebastian

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  1. [...] Briefe an Lars von Trier: Melancholia - “Es hätte so schön sein können” … liebernichts Deutscher Buchpreis 2011…

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