November, 2011

We are not those kids…

Der Zündfunk hat am 15.10. eine Hommage an den Poptheoretiker Martin Büsser gesendet, der vor einem Jahr an Krebs gestorben ist. Besonders schön: Ein Brief an den Sänger der Band „The Clash“, den Büsser nie abgeschickt hat. Die Schlussworte:

„Ein Teil der Gruppe zu sein, heißt sich selbst zu verneinen… aber sobald man seinen Verstand gebraucht, braucht man keine Demo mehr – dann ist man die Demo… Stick the gun out of your mouth. Thanks and Goodbye.“

Auf Büssers Beerdigung spielte eine befreundete Band „Steak for Chicken“ von dem Moldy Peaches – das ich hier mal poste. Auch als Erinnerung an mich selbst: „We are not those kids… sitting on the couch!“

Das Ende der Widersprüchlichkeiten

„Der Kapitalismus sorgt für mich“, hat Peter Licht der FAZ gesagt. Letztens sei ihm die Brille kaputt gegangen, und der Kapitalismus habe ihm eine neue besorgt. Weil Peter Licht trotzdem Lieder vom „Ende des Kapitalismus“ singt, folgert die FAZ, dass er ein konservatives Moment zurück in den Pop bringe – die Einsicht, selbst Teil des Systems zu sein. Statt Klarheit und Krawall gebe es Luhmann und Sloterdijk.

Nun ist von Sloterdijk ist auf dem neuen Album glücklicherweise herzlich wenig zu hören: Seine Rilke-Exegese „Du musst dein Leben ändern“ wiederholt Peter Licht so oft, bis nur noch ein netter Singsang bleibt. „Nur welches Leben soll ich ändern, und welches eben nicht“, fragt Peter Licht stattdessen zurück. Wie er überhaupt eine Menge fragt. So bleibt die Frage: Mit was für einer Haltung haben wir es hier zu tun? Denn nichts anderes versucht Kunst, sie will eine Haltung zur Welt ausdrücken.

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Das Geld und das Nichts

Das Geld hat seinen Geruch verloren, sagt Georg Seeßlen in diesem kurzen Video. Einen Geruch, den jener Geldschein noch hatte, mit dem wir Essen gegangen oder ein konkretes Bedürfnis befriedigt hätten. Das Geld verschwinde immer mehr ins Virtuelle und verwandle sich in abstrakte Ziffern. Und da das Geld nicht mehr greifbar ist, bleibe auch die so oft beschworene Revolte aus.

Zwar habe Marx den Fetischcharakter des Geldes noch erklären können. Doch seitdem das Geld nicht mehr konkret akkumulierte Arbeit verkörpere und stattdessen in einem virtuellen Raum in sich selbst kreist – wem solle man da überhaupt noch Geld wegnehmen? Das Geld hat keinen Ort mehr, sagt Seeßlen, es geht ins Nichts, und „wenn das Geld ins Nichts geht, dann gehen wir auch ins Nichts – das ist völlig klar.“

Die Depression ist auch keine Lösung

„Eigentlich ist klar, dass hiernach nichts mehr kommen darf – das bleibt also unter uns“, sagte Andreas Spechtl beim letzten Ja, Panik-Konzert in Berlin noch ganz verschämt. Da hatte er gerade die letzten Worte des Depressions-Manifests DMD KIU LIDT ins Mikrofon gehaucht. Dann spielte er noch ein paar Zugaben.

Beim gestrigen Konzert war DMD KIU LIDT tatsächlich der letzte Song des Abends. Und trotzdem: Die wohl noch nie so schön besungene Depression ist auch keine Lösung (das war sie auch noch nie). Obwohl es bei Ja, Panik bisher hieß „I burnt the manifestos“ kann man ab sofort auf den Konzerten der Band das Büchlein „Ja, Panik: Schriften – Band 1“ erstehen. Darin: die gesammelten Kolumnen, Tourtagebücher und mehr (steht alles auch hier). Lesestoff also. Zu konsumieren in der Zeit, in der einen das doofe System wieder einmal ausgeknockt hat.

„Die kommende Gemeinschaft liegt hinter unseren Depressionen“ heißt also nicht, dass man die Welt verändern kann, indem man einfach abtaucht. Im Gegenteil: Erst im Bett, im Zelt auf öffentlichen Plätzen und überall dort, wo Menschen feststellen, „dass es um mehr als die eigenen paar Problems geht“ (DMD KIU LIDT) – erst da kann die Suche nach dem Anderen überhaupt erst beginnen. Nicht einmal in Ruhe depressiv sein darf man also noch. Aber so viel Spaß hat das ohnehin nie gemacht.

Empört in Berlin

An den Reaktion auf „Occupy Wallstreet“ und die deutschen Ableger konnte man wieder einmal schön das linke Meinungsspektrum vermessen: Während sich die Jungle World noch nicht sicher war, was sie von den Protesten zu halten hat, wusste es die konkret sofort – nämlich nichts: „Wieder mal geht die Post ab, und wieder mal ist KONKRET nicht auf dem Trittbrett … Es war der berühmte Surrealist Klaus Ernst, der über den Klamauk das erlösende Verdikt sprach: ‚Das ist ein Aufstand der Anständigen.‘ Und wer möchte zu denen schon gehören.“

Man muss dieses Urteil nicht teilen, um trotzdem hin und hergerissen zu sein. Zumindest ging es mir so, während ich das Geschehen in Berlin für diesen Fotofilm begleitet habe. Da wird tatsächlich viel Enthusiasmus in die Wagschale geworfen. Dafür, dass es gerade erst damit losgeht, eine gemeinsame Sprache zu finden. Wir haben den Film in Schwarz-Weiß gehalten, um das Pathos ein wenig zu brechen.

Rückblickend habe ich unterschätzt, wie schwierig es ist, eine Geschichte nur mit O-Tönen zu erzählen. Jeder erklärende Nebensatz führt da schon zu weit weg. Und so bin ich wohl ein wenig an der Aufgabe gescheitert, ein inhaltsstarkes Stück über einen (noch?) inhaltlich-diffusen Protest zu machen.

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