Dialektik Rises? Zwei Briefe an Chris Nolan

Acht Jahre hat Bruce Wayne keinen Menschen mehr gesehen, humpelt nur noch durch den Ostflügel seiner Villa. Dann kommt Catwoman. Was das mit Hegel zu tun hat? Und wieso in Christopher Nolans Filmen immer die gleichen Langweiler mitspielen? Zwei Briefe (mit Spoilern)

Respekt, Chris,

mit so viel Pathos hat schon lange keiner mehr die Hegel-Keule geschwungen. Aber mal im Ernst: Drei Teile, knapp 600 Millionen Dollar, für eine Holzhammer-Dialektik, die dann beim Fernet-Branca in Florenz aufgelöst wird? Geht’s auch ein bisschen weniger? Allein diese blaue Blume im ersten Teil… der entfremdete Bruce, der in die Welt zieht, um seine Angst zu besiegen, puh… „Wo gehst du hin?“ wurde der erste Blaublumensucher von Novalis mal gefragt – und antwortete: „Immer nach Hause“. Und so eiert nun auch der fiese Aggro-Yupie Bruce Wayne seit Jahren durch die Welt und Gotham. Und was sein zu Hause ist, das wissen wir ja nun. Prost.

War aber auch ein langer Weg: Im ersten Teil schafft es Bruce mit seinen Millionärs-Gadgets die eigene Angst zu verdrängen. Im zweiten Teil kämpft der maskierte Ordnungsfanatiker stundenlang gegen das unter der porösen Ordnung Gothams brodelnde Chaos an. Und gegen Jokers Grinsen, das allein Batman auf die Palme bringt. Acht Jahre ist es nun her, seit Gordon und Batman mithilfe der Legende um Harvey „Two Face“ Dent Gothams Ordnung wiederhergestellt haben.

Seitdem ist Batman überflüssig – eigentlich das, was er immer sein wollte. Doch anstatt jeden Tag mit einem Sektfrühstück zu beginnen, lungert Bruce im Ostflügel seines Anwesens herum, hat seit Jahren keinen Menschen mehr zu Gesicht bekommen, außer Alfred (und der ist eigentlich gar kein Mensch, oder Chris?). Bruce geht am Stock und wartet auf den Tod. Ist aber auch wirklich Scheiße, das Leben, wenn das mit der großen Liebe nicht geklappt hat. Und so lamentiert er nun vor sich hin. Ist also noch nicht durch, die Arbeit der Dialektik. Denn Bruce hat zwar vor nichts mehr Angst, aber glücklich ist was anderes. Und um das zu werden, muss zunächst das Verdrängte wiederkehren.

Die Angst findet er in einem Kerker wieder, in den ihn Oberfiesling Bane geworfen hat: die Angst vor dem Tod („die mächtigste Triebfeder des Menschen“ – puh). Mit dem neuen Lebenswille geht es nun Bane an den Kragen, aber vor allem auf die Suche nach der Liebe, die ihm der Weltgeist Alfred ständig vermitteln will. Und weil dieser zusammen mit anderen noch ständiger darauf hinweist, wie schön doch die scheinbar Verbündete Miranda Tate anzuschauen ist, ist es umso schöner mitanzuschauen, wie dieselbige Batman am Schluss ihr Messer richtig tief in die Seite rammt.

Soweit. Dann fliegt Batman eine Bombe raus aufs Meer, rettet Gotham, sofort geht’s weiter nach Florenz, wo er mit Catwoman im Café sitzt und herumturtelt, Weltgeist Alfred nippt in Sichtweite an seinem Fernet-Branca. Bruce hat die Arbeit an der Welt endgültig eingestellt, weil er die Liebe gefunden hat. Und wer den Mob Gothams gesehen hat – wer würde ihm das übel nehmen? Wir glauben trotzdem weiter, dass das eine nicht ohne das andere geht und hoffen auf geglücktere Vermittlungen in der Zukunft (dass es weitergeht, ist klar, oder Chris? Es gibt schließlich keinen deutlicheren Beleg für die gefühlte Ohnmacht gegenüber den Verhältnissen als die Sehnsucht nach Superhelden).

Bis dann,
Sebastian

P.S.: Wir sind der Geist.

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Hallo Chris,

high five, LOL!!!

Ich habe vor kurzem in der Wiederholung dein neues „Memento 3000“ studiert. Pardon: Das war wohl der Arbeitstitel. Wie auch immer – an sich ein nettes Event. Es wurde diesmal nicht rückwärts erzählt und dauerte auch nur epochale 154 Minuten. Als dann jedoch der große Schriftzug „Pause“ auf der Leinwand prangte, fand ich das doch arg dekadent. Da legt doch keine Sau eine neue Rolle ein! Ist doch alles digital heute!!! Aber: irgendwie auch konsequent – immerhin ist das Ding auch nicht in 3D.

Ein paar Spieler, denen du beim letzten Mal vertraut hast, haben natürlich gefehlt und mussten es auch. Konnte ja keiner ahnen, dass der letzte große Oscargewinner und Neueinkauf in deine Mannschaft nach dem Spiel unglücklich verstirbt. Auch Aron Eckhart aka Harvey Dent macht im neuen Spiel mit einem Portrait seiner photogeshopten Visage kaum auf sich aufmerksam und langweilt sich stattdessen mit Gesichtsoperationsbandage in der Umkleide. Nichtsdestotrotz: du hast eine solide Mannschaft aufgebaut und hie und da strategisch besetzt, um im Spiel stets zu punkten – das klappt dann aber leider nur semi.

Über die Jahre sind dir wohl einige Stammspieler ans Herz gewachsen. Aber warum du ausgerechnet Guy Pierce auf die Bank verbannt hast, bleibt mir ein Rätsel. Sicher: Er hat noch keinen Oscar geschossen, wie Christian Bale, aber er hat seine Qualitäten. Immerhin: Als guter Trainer sorgst du für die Deinen. Und so wurde der Gute einfach ausgeliehen. Das drückt ein wenig die explodierenden Kosten für dein Baby. Und Ridley Scott bekam einen neuen Einwechselspieler, für drei Minuten Spielzeit. Dann musste er wieder zurück auf die Ersatzbank. Doch Guy sah es sportlich und lies Michael Fassbender den Vorzug, der jetzt über die volle Länge in Ridleys kosmischem Spiel glänzen darf.

Kurzum (wir wollen nicht abschweifen): Dann war Pause. In der Nachspielzeit kam deine neue Mannschaft besser ins Spiel. Trotzdem bleibt ein leichtes Gefühl von Sodbrennen und Düsenjets im Dickdarm, als sich alle Helden am Ende in der Toscana zum Schnapssaufen treffen. Hier sollte das Gute in diesem Sport aufgezeigt werden: auch die Welt ist ein Ball und alles wird gut, aber so einfach ist es nun einmal nicht!

Der eingeführte Nachwuchs aus der B-Jugend ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Chris, du musst mal wieder deine Spieler austauschen! Am besten alle, weil keiner so recht den Draht zu den Fans hat und umgekehrt! Es gibt keinen, den man wirklich liebt in diesem Team – bis auf die Auswechselspieler, Ausgeliehenen und die richtig miesen Schweine, denn die polarisieren. Und hierbei muss man den Bankhocker Cilian Murphy mal über den grünen Klee loben! Hatte er doch den besten Auftritt, als Scarscrow und Richter der Mobtribunale („Tod durch Exil!“).

Aber Christian Bale ist weder ein Held, noch ein Typ, mit dem Mann/Frau ehrlicher Weise in die Kiste steigt. Der zieht sein Trikot an und dann hofft man, dass er trifft oder ihm irgendwer ordentlich die Fresse poliert! Das ist passiert und war gelungen. Aber Robin ins nächste Spiel zu schicken halte ich für einen strategischen Fehler: der ist zu nett, zu optimistisch! Denn Bane und Joker spielten echt unfair. Und genau das wollen wir sehen! Michael Caine als die urgute, mentale Schiedsrichterinstanz, hat es auf den Punkt gebracht: Manche Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen.

Und wie soll man denen begegnen? Joseph Gordon-Levitt hatte im Zusammenspiel mit Leo DiCaprio in Inception einen richtig guten Lauf, aber als Robin allein wird er das Spiel verlieren! Da muss dann wieder Guy, Leo oder Christian mit ran. Denk drüber nach, bevor du dich an die Aufstellung für den neuen Superman „Man of Steel“ machst und vergeige nicht schon wieder die Zuneigung zum Hauptdarsteller. Und wenn doch, lass deine Starspieler einfach bei einem ordentlichen Foul in dreifacher Zeitlupe gegen die Wand fahren, Knochenbrüche und Trompeten, das wäre konsequent. Glaub mir, dann achtet auch keiner mehr auf den Ball. Und niemand stört es, wenn das ganze Spektakel 154 Minuten dauert, ohne Elfmeterschießen.

Beste Grüße aus deinem Stadion,
Björn

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