September, 2012

Wir Wohlstandssozialisten

Eine Demo bringt nur unwesentlich mehr als die Marx-Lektüre. Besser wäre es, zu streiken und Fabriken zu besetzen. Aber seit der Finanzkrise bringt auch das nichts mehr, meint Pohrt. (Foto: Hen_son / flickr CC)

Wolfgang Pohrt rechnete am Wochenende in Berlin gleich zwei Mal mit jeder Kapitalismuskritik ab. Die Zuhörer betranken sich dabei. Was kann es schöneres geben?

Egal, wo er hingeht und worüber er redet, jedes Mal tritt Wolfgang Pohrt seinem Publikum genüsslich eine vors Schienbein. Und das ist einfach schön mit anzuschauen. So war es am Samstag in der Volksbühne. Und am Sonntag in der „Interventionsschankwirtschaft“ Laidak. In jener Kneipe hatte er bereits vor drei Monaten sein neues Buch „Kapitalismus Forever“ vorgestellt und dabei jedem Marx-Leser eine mitgegeben: Wenn die Menschen auf die Straße gingen, dann nie, weil sie Marx gelesen, sondern weil sie die Schnauze voll gehabt hätten. Und überhaupt: Was wäre der Kapitalismuskritker ohne den Kapitalismus? Nichts! Das einzige, was die letzten 40 Jahre Kritik dem konkret-Herausgeber Hermann Gremliza gebracht hätten, sei ein eineinhalb-stündiges Gespräch im Deutschlandfunk gewesen. Und Wolfgang Pohrt nun immerhin schon den zweiten Auftritt im Laidak.

Die meisten Kneipengänger freut so eine Haltung natürlich. Haben sie sich doch wieder einmal vergewissern können, dass jeder Versuch, die Welt zu verstehen – geschweige denn, sie zu verändern – ohnehin verschwendete Energie ist, die man genauso gut in die nächste Runde Bier investieren kann. Beim Volksbühnen-Besucher war die Reaktion dieses Mal ein wenig heftiger: Was Pohrt hier liefere, sei keine Analyse, sondern „Journalismus – feuilletonistisches Geschwätz, das genauso gut im Feuilleton der FAZ stehen kann.“ Aber der Reihe nach.

weiterlesen