Wir Wohlstandssozialisten

Eine Demo bringt nur unwesentlich mehr als die Marx-Lektüre. Besser wäre es, zu streiken und Fabriken zu besetzen. Aber seit der Finanzkrise bringt auch das nichts mehr, meint Pohrt. (Foto: Hen_son / flickr CC)

Wolfgang Pohrt rechnete am Wochenende in Berlin gleich zwei Mal mit jeder Kapitalismuskritik ab. Die Zuhörer betranken sich dabei. Was kann es schöneres geben?

Egal, wo er hingeht und worüber er redet, jedes Mal tritt Wolfgang Pohrt seinem Publikum genüsslich eine vors Schienbein. Und das ist einfach schön mit anzuschauen. So war es am Samstag in der Volksbühne. Und am Sonntag in der „Interventionsschankwirtschaft“ Laidak. In jener Kneipe hatte er bereits vor drei Monaten sein neues Buch „Kapitalismus Forever“ vorgestellt und dabei jedem Marx-Leser eine mitgegeben: Wenn die Menschen auf die Straße gingen, dann nie, weil sie Marx gelesen, sondern weil sie die Schnauze voll gehabt hätten. Und überhaupt: Was wäre der Kapitalismuskritker ohne den Kapitalismus? Nichts! Das einzige, was die letzten 40 Jahre Kritik dem konkret-Herausgeber Hermann Gremliza gebracht hätten, sei ein eineinhalb-stündiges Gespräch im Deutschlandfunk gewesen. Und Wolfgang Pohrt nun immerhin schon den zweiten Auftritt im Laidak.

Die meisten Kneipengänger freut so eine Haltung natürlich. Haben sie sich doch wieder einmal vergewissern können, dass jeder Versuch, die Welt zu verstehen – geschweige denn, sie zu verändern – ohnehin verschwendete Energie ist, die man genauso gut in die nächste Runde Bier investieren kann. Beim Volksbühnen-Besucher war die Reaktion dieses Mal ein wenig heftiger: Was Pohrt hier liefere, sei keine Analyse, sondern „Journalismus – feuilletonistisches Geschwätz, das genauso gut im Feuilleton der FAZ stehen kann.“ Aber der Reihe nach.

Fortschritt?

Wolfgang Pohrt hatte bei seinem Vortrag in der Volksbühne zum großen Wurf ausgeholt (Titel: „Die Vertreibung aus dem Paradies – von Adam und Eva bis zum Zusammenbruch des Ostblocks“) und jede Erzählung an einen sozialen Fortschritt beerdigt, angesichts der Schlachtbank, die die Geschichte nun einmal auch ist. Die Idee des Fortschritts, so Pohrt, habe sich bereits in den sechziger und siebziger Jahren erledigt. Die Ölkrise, das „Ende des Wachstums“, gescheiterte Apollo-Missionen, und zuletzt explodierende Atomkraftwerke hätten den Glauben, dass es weiter nach vorne ginge mit der Menschheit, endgültig zerstört.

In Reaktion darauf sei nun eine Protestbewegung entstanden, die diesen Fortschrittsglauben mit der Forderung nach einer weltweiten Revolution und der Einrichtung einer total vernünftigen Welt noch einmal radikalisiere und damit als menschliche Allmachtsphantasie enttarne. Anstatt zu tun, was dem Kapital wirklich geschadet hätte – Streiken und Fabriken besetzen – vertrauten sie weiter auf das Proletariat, das man nur ein wenig schubsen müsse, dann werde es die Revolution schon machen. Tat es aber nicht.

Ohnmacht!

Seitdem befinden wir uns, so Pohrt, in einer Schleife der Ohnmacht, in einer „Retrokultur“, die das „zurück zu Natur“ der Grünen ebenso hervorbrachte wie Obamas „Yes, we can!“ – gibt es ein schöneres Anzeichen dafür, dass wir eben NICHT mehr können? Schriften wie „Der kommende Aufstand“ seien deshalb nicht mehr als „Kulturmüll fürs Feuilleton“. Wo solle dieser Aufstand auch hinführen? Zu jenem „Verein freier Menschen“, wie ihn der Sozialismus in Aussicht stelle? Jeder Marxist könne mit diesem Bild vor Augen, mit der Zeit nur zum verbitterten Menschenhasser werden, weil das Tier im Menschen eben nicht domestizierbar sei. Also sei es sinnvoller, immer das schlechteste vom Menschen zu erwarten, dann könne man nur angenehm überrascht werden.

Soweit Pohrts Vortrag in der Volksbühne. Auf den Einwand, dass dieses „feuilletonistische Geschwätz“ jede Kritik an Hunger, Not und Elend obsolet mache, zuckte Pohrt nur mit den Schultern – „da kann ich jetzt nichts zu sagen.“

„Dem Kapital ist egal, was wir reden“

Das tat er aber dann doch. Am nächsten Tag im Laidak zum Thema: „Gebremster Schaum: Linksradikalismus im Sozialstaat“. Pohrt erzählte, wie sinnlos diese Kritik ist, sofern man ihr keine Taten Folgen lässt. Als Kapitalismuskritiker käme man nämlich sehr gut über die Runden. Und selbst wenn es nicht zum Akademiker und Chefredakteur reicht, sei da ja noch der Sozialstaat.

Doch für diesen Linksradikalen bricht mit der Finanzkrise 2008 ff. eine Welt zusammen. Auf einmal finden auch andere Leute den Kapitalismus doof, wollen ihn vielleicht sogar abschaffen. Zumindest reden sie darüber. Dem Kapital sei die Gesinnung der Leute jedoch herzlich egal, so Pohrt. Es ist ihm egal, worüber alte und neue Kapitalismuskritiker reden, so lange sie konsumieren und arbeiten. Zu sagen hätten sie ohnehin nichts. Was wollte Occupy? Was Blockupy?

40 Jahre habe man nun Marx gelesen und herumkritisiert. Aber als die Leute endlich zuhören wollten, kam nur das große Schweigen. Es sei wie es immer: „Wenn die herrschende Klasse durchhängt, tun wir es noch mehr. Wir sind Wohlstandssozialisten.“ Und so wählen die Menschen weiter die gleichen Leute, wie zuvor. Siehe Griechenland. Es gebe ja den Sozialstaat, den jeder brauche, und den deshalb keiner abschaffen wolle. Und diesen Sozialstaat habe Marx nicht kommen sehen.

„Wenn ich der Lenin wäre“

Ok, aber das klassische Programm gelte doch noch immer, meinte ein Zuhörer, und „wenn ich heute der Lenin wär“, dann würde er immer noch Staat und Kapital abschaffen. Und vor allem das Geld. Das hätten die im Ostblock nämlich falsch gemacht. Dann könnten wir endlich alle nach unseren Bedürfnissen produzieren.

Worauf Pohrt erwiderte, dass es überhaupt nichts bringe, das Geld abzuschaffen. Weil der Kapitalismus längst ein sich selbst erhaltendes System der Arbeitsteilung geschaffen habe. Das hatte auch eine Riesenbehörde nicht ändern können, mit der man es ja bereits versucht habe. Und solange es kein anderes System gäbe, das die vorhandene Produktion steuern könne, werde auch niemand den Kapitalismus abschaffen können, oder dessen Lebensadern kappen. Die Folgen wären nicht absehbar.

Und so sei mit letzten Finanzkrise das Kapital endlich zu sich selbst gekommen. Es offenbare sich heute als ein System von Sachzwängen, innerhalb dessen der Austausch von Entscheidungsträgern, von Managern und Funktionären, gar keine Rolle mehr spiele. Der Kapitalismus brauche heute nicht einmal mehr Kapitalisten, um zu funktionieren. Es sei zwar richtig, dass dieses System menschengemacht ist. Aber die Menschen könnten eben Systeme schaffen, die so komplex sind, dass sie sie selbst nicht mehr verstehen und andere Systeme brauchen, um sie zu steuern. Es gehe also nicht darum, den Kapitalismus abzuschaffen, sondern ein Regulativ zu finden. Aber das gibt es bisher noch nicht, endete Pohrt.

„Wenn ihr mehr Geld wollt, holt es euch!“

Puh. Da waren mehr als ein paar Schienbeine dabei. Und natürlich müsste man an vielen Stellen genauer hinschauen. Man könnte sich ja immerhin fragen, ob man es nicht doch kritisieren müsste, wenn dieser nette Sozialstaat nach und nach abgetragen wird. Und selbst wenn es so ist, dass wir Menschen so komplexe Systeme schaffen können, dass wir andere System brauchen, um sie zu steuern – warum dann nicht zumindest letztere ändern?

Da hätte Pohrt wahrscheinlich auch nichts dagegen. In einem Nebensatz in der Volksbühne sagte er: „Wenn ihr mehr Geld wollt, dann holt es euch doch! Aber nennt das dann bitte nicht Sozialismus! Ein Kind wird auch zuerst geboren und bekommt erst dann einen Namen.“

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