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Digitale Revolution: “Ein bisschen Körper wird schon bleiben”

Dass man sich Revolutionen eigentlich nie so richtig vorstellen kann, räumte Taz-Chefin Ines Pohl gleich zu Beginn vom Taz/Freitag-Medienkongress “Die Revolution haben wir uns anders vorgestellt” ein: Als der Kongress vor einem halben Jahr geplant wurde, habe noch keiner ahnen können, was sich jetzt in der arabischen Welt abspiele, sagte Pohl. Um den Ereignissen gerecht zu werden, habe man das Programm deshalb immer wieder umstellen müssen.

Die “digitale Revolution” scheint uns dagegen schon eine halbe Ewigkeit zu begleiten. Und, das ist ja das schöne, trotzdem gehen die Vorstellungen darüber, was sie für uns bedeutet, immer noch weit auseinander und reichen vom wirkunsvollstes Instrument des Kapitalismus bis hin zur Erlösung von der eigenen Körperlichkeit – oder, in unserem Fall: Philosoph Joseph Vogl vs. K1-Bewohner und Dschungelcamper Rainer Langhans.

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Žižek an der FU: “Ich setz mich lieber an den Rand”

Mit Žižek ist wie mit jedem anderen Phänomen, das man mal ganz interssant fand: Irgendwann nervt es einen. Ich bin trotzdem noch einmal hin, am Donnerstag Abend. Da redete Žižek an der FU-Berlin. Alles war voll, hinter mir Genuschel: “Hast du ihn schon mal gehört?” – “Nicht live.” Zwischenrufe und leise Buh-Rufe trafen die Vorredner, angespannte Stille dagegen beim Vortrag von Žižek – “Is it Still Possible to be a Hegelian Today?” lautete der Titel.

Ja, möchte man sofort antworten, es scheint noch eine Menge von ihnen zu geben. Der Hegelianer macht Krisen zu Chancen: Die Finanzkrise ist für ihn Vorbote einer neuen Weltwirtschaftsordnung, die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko Signal für die Befreiung vom Öl, und Fukushima das Ende des Atomzeitalters. Die Aufstände in der arabischen Welt müssen sowieso Zeichen des vernünftigen Fortschreiten der Weltgeschichte sein, in Libyen sollte man da gar nicht mehr nachhelfen, die “List der Vernunft” werde es schon richten. Gegen diese falsch verstandene “List der Vernunft” redete Žižek in seinem Vortrag an.

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Warum im Netz alle Revoluzzer sind

Die nächste RSA-Animation kommt diesmal zu einem Vortrag von Evgeny Morozov und der Frage “The Internet in Society: Empowering or Censoring Citizens?” Den Vortrag hat Morozov vor zwei Jahren gehalten, trotzdem ist es eine schöne Einführung zu seiner Auseinandersetzung mit dem “Cyber-Utopismus”, die er in seinem Buch “The Net Delusion” führt. Morozov wird am 8. April in Berlin den Medienkongress “Die Revolution haben wir uns anders vorgestellt” eröffnen.  (via)

#Guttbye und die Bodenständigkeit des Internets

Foto: Oszedo, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Was war der Beitrag des Netztes im Fall Guttenberg? Die Antworten auf diese Frage waren teilweise an Netzüberschätzung kaum zu überbieten. An anderer Stelle konnte man dagegen lesen, dass es “das Netz” sowieso nicht mehr gibt – es gehöre längst zum Medien- und Politzirkus dazu, ist Mainstream geworden. Wenn man überlegt, wie stark eine Facebook-Gruppe die Berichterstattung der letzten Tage geprägt hat, könnte man sogar meinen, es sei der Star in der Manege. Was lernen wir daraus? Ein paar Gedanken zu den vergangenen Tagen.

Letzten Samstag zogen einige Alpha-BloggerInnen, der CCC, sowie Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg mit rund 500 Netzmenschen vors Verteidigungsministerium, um dem “Lügenbaron” ihre Schuhsohlen zu zeigen – “weil Worte nicht mehr ausreichen”, wie Initiator Hans Hübner sagte. Das war schön. Und hat deshalb innerhalb von wenigen Tagen soviele Leute angesprochen, weil der Aufruf ein Sachthema mit einer augenzwinkernden Geste kombinierte. Bis auf wenige (Plakat: “Von Gaddafi bis Guttenberg – wir kriegen euch alle!”) haben das auch die meisten verstanden.

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What do we do now?

Play. (via)

Kierkegaard, Morozov und der Slacktivismus

kierkegaard

Ich habe für die Frankfurter Rundschau einen Text zu Evgeny Morozov’s Buch “The Net Delusion: How Not to Liberate The World” geschrieben: Revolution per Internet: Dänisches Gedankenlager. Es geht darum, dass Morozov das “Entweder – Oder” des sympathischen Dänen etwas überstrapaziert, weil er befürchtet, dass neue Protestformen die alten ersetzen könnten. So wichtig es auch ist, nicht einem blinden Technologieglauben zu verfallen, aus dem heraus man die Welt nur noch mit unsinnigen Begriffen wie “Facebook-” oder “Twitterrevolution” erklärt, so unsinnig ist es auch, neue und alte Protest- bzw. Organisationsformen gegeneinander auszuspielen. Wichtiger wäre die Suche nach dem effektivsten “sowohl – als auch”.

But in what sense does it become concrete?

The Raven Always Wins

… zumindest am Geburtstag von Edgar Allan Poe (19.1.1809 – 7.10.1849). Wenn man es schon nicht mehr persönlich ans Westminster Grab schafft, kann man sich immerhin noch einmal DAS Gedicht auf Glas gemalt ansehen. Ende des Jahres wird dann John Cusack gegen den Raben antreten.

“I was chewing chewing gum”

Schönes Fan-Video zu Herman Düne’s “When we were still friends”. (via)

“Alles sollte Kritik sein”

Eine tolle Dokumentation, die da seit zwei Wochen auf YouTube steht: Das war Thomas Bernhard. Fernsehdokumente 1967-1988. Sehr anregend, gerade wenn man sich bisher noch nicht mit dem österreichischen Schwergewicht beschäftigt hat:

“Erregung ist ein angenehmer Zustand und bringt das lahme Blut in Gang. Ohne Erregung ist gar nichts. Da können Sie gleich im Bett liegen bleiben.”

“Alles, was ein Schriftsteller oder Dichter schreibt, sollte Kritik sein.”

“Die Wahrheit ist immer nur, dass man ein “aber” an den Satz hängt. Die Stadt ohne “aber” ist einfach eine kitschige Stadt mit kitschigen Menschen und oberflächlichen Scheußlichkeiten… Die einzige Triebfeder in mir ist die, zu sagen, was niemand sagt, oder zu schreiben, was niemand schreibt. Was alle schreiben – dass die Stadt schön ist – das weiß eh jeder. Aber hinter der Schönheit ist etwas anderes.”

“Alles ist wirklich, egal ob es passiert oder nicht. Die Vision ist noch mehr Realität als die Realität. Es gibt nichts Erfundenes… Die eigentliche Natur und die Welt sind in den Zeitungen: Je boulevardesker, je primitiver sie sind, desto mehr lernt man daraus. Ich habe nichts von einem seitenlangen Vortrag von Herrn Popper, der von A bis Z nur Geschwätz ist. Aber ich habe sehr viel davon, wenn da steht: Die Bäuerin Hintermeier in der Steiermark ist Amok gelaufen, hat ihre vier Kinder umgebracht und das fünfte ertränkt.”

“Ich schreibe nicht für Depperte, denen man alles sagen muss… Ich lasse den Leuten einen Spielraum … Natur beschreiben ist sowieso Unsinn, weil sie jeder kennt. Wer einmal in einem Garten war, weiß, was da gespielt wird. Das brauchen Sie nicht mehr beschreiben…Innere Vorgänge, die niemand seht, sind das einzig interessante an Literatur überhaupt. Aber aus uninteressanten Beschreibungen besteht die meiste Schriftstellerei, weil die Leute nicht in großen Aktionen denken können, sondern nur kleinstbürgerliche, folgerichtige Schritte machen – das ist grauenhaft.”

“Haben wir nicht soviel Wein getrunken?”

Auf die Gefahr hin, dass ich bald nur noch Videos poste: Der australische Kurzfilm Two Men basiert auf Kafkas Betrachtung Die Vorüberlaufenden und stellt die Frage “was tun, wenn…”. In Franz – “Mein Leben ist das Zögern vor der Geburt” – Kafkas Version liest sich das ganze natürlich noch ein wenig zögerlicher, und zwar so:

“Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazieren geht, und ein Mann, von weitem schon sichtbar – denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond – uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir werden ihn weiter laufen lassen.

Denn es ist Nacht, und wir können nicht dafür, daß die Gasse im Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben die zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden Mitschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts von einander, und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen.

Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht soviel Wein getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehn.”

Der Film ist via hier. Hier gibt es noch eine Illustration zum Text.

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