Tocotronic und die kranken Männer

Wer derzeit von der Sexismus-Debatte auf den gesellschaftlichen Stand der Aufklärung schließen will, kann eigentlich nur verzweifeln. Wie soll man auch von „vernünftigen Verhältnissen“ sprechen, wenn so vielen Männern jegliches Abstraktionsvermögen von sich und der Ordnung, in der sie leben, fehlt? So hörte man einige dieser Primaten allen Ernstes fragen, wie denn nach dem #Aufschrei die Geschlechter bei all ihren „natürlichen“ Differenzen überhaupt jemals konfliktfrei zusammenleben könnten – aka: Männer sind nun mal privilegierte Arschlöcher, deal with it.

Man könnte diese Frage um zahlreiche Texte und Zitate ergänzen, die zeigen, dass vielen (und es waren erschreckend viele) bestimmte menschliche Vermögen völlig fremd sind. Denn mit Vernunft ausgestattete Wesen könnten sehr wohl von diesen Identitätskategorien abstrahieren. Sie könnten sich sogar so weit wie möglich von ihnen abstoßen. Wenn sie dazu Musik machen, spricht man von gelingender Popkultur, in der man „sich selbst verliert“, wie es so schön heißt (und wie es Frank Apunkt Schneider im vergangenen Jahr hier vorgetragen hat). Im Folgenden ein kurzer Ausflug in das tocotronische Märchenland des Identitätsverrats.

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Dialektik Rises? Zwei Briefe an Chris Nolan

Acht Jahre hat Bruce Wayne keinen Menschen mehr gesehen, humpelt nur noch durch den Ostflügel seiner Villa. Dann kommt Catwoman. Was das mit Hegel zu tun hat? Und wieso in Christopher Nolans Filmen immer die gleichen Langweiler mitspielen? Zwei Briefe (mit Spoilern)

Respekt, Chris,

mit so viel Pathos hat schon lange keiner mehr die Hegel-Keule geschwungen. Aber mal im Ernst: Drei Teile, knapp 600 Millionen Dollar, für eine Holzhammer-Dialektik, die dann beim Fernet-Branca in Florenz aufgelöst wird? Geht’s auch ein bisschen weniger? Allein diese blaue Blume im ersten Teil… der entfremdete Bruce, der in die Welt zieht, um seine Angst zu besiegen, puh… „Wo gehst du hin?“ wurde der erste Blaublumensucher von Novalis mal gefragt – und antwortete: „Immer nach Hause“. Und so eiert nun auch der fiese Aggro-Yupie Bruce Wayne seit Jahren durch die Welt und Gotham. Und was sein zu Hause ist, das wissen wir ja nun. Prost.

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Durch die Nacht mit Doctorella

Es folgt eine kurze Hymne auf die Band Doctorella. Seitdem ich am Freitag auf ihrer Record Release Party war höre ich ihr erstes Album „Drogen und Psychologen“. So etwas schönes gab es in diesem Jahr noch nicht. Und das hat einen einfachen Grund: Hier gelingt endlich einmal wieder, was bei all den Kapitulations- und Depressionsszenarien im deutschen Diskurspop ein wenig untergegangen ist: Dass nämlich in der richtig guten Musik nicht nur die unerfüllten Bedürfnisse anklingen sollten, sondern auch eine bessere Welt fühlbar wird – zumindest für einen Moment.

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Überall, nur nicht hier

Foto: Pedro Vezini, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Wenn es statt „Wofür lebst du eigentlich?“ nur noch „Wovon lebst du eigentlich?“ heißt: Die Zeitschrift „Testcard“ fragt in ihrer aktuellen Ausgabe nach den Überlebensmöglichkeiten der Popkritik.

Am schönsten hat es David Mackenzie in seinem Film „Perfect Sense“ veranschaulicht. Um zu zeigen, wie „Überleben“ funktioniert, braucht er nicht einmal Zombies, erst recht keine ineinander fallenden Planeten. In „Perfect Sense“ verlieren die Menschen nach und nach all ihre Sinne. Trotzdem geht ihr Leben immer irgendwie weiter: Können sie nicht mehr riechen, würzen sie ihr Essen um ein Vielfaches. Können sie nicht mehr hören, pressen sie ihre Ohren dicht an die Musikboxen. Vielleicht schmecken sie ja doch noch etwas, vielleicht fühlen sie wenigstens, wie die Vibrationen der Musik den eigenen Körper treffen.

Gegen Ende verlieren Ewan McGregor und Eva Green dann ihr Augenlicht, während sie aufeinander zugehen. Sie schaffen es gerade noch, sich aneinander festzuhalten. Eine Stimme aus dem Off sagt: „Wenn sie jetzt jemand sehen würde, sähen sie aus wie ein normales Liebespaar. Sie wissen alles, was sie wissen müssen – selbstvergessen gegenüber der Welt um sie herum. Nur so geht das Leben weiter.“

Im Überlebensmodus ist die Welt um uns herum nur noch ein Störfaktor. Ob nun in Zombie-, Katastrophenfilmen oder sonstigen Weltuntergangszenarien – selten hatte der Kampf ums Überleben einen so prominenten Platz in der Popkultur wie heute. Dabei geht es nur scheinbar immer ums Ganze: Im Grunde geht es immer nur darum, selbst irgendwie über die Runden zu kommen: die volle Dröhnung Nichts.

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We are not those kids…

Der Zündfunk hat am 15.10. eine Hommage an den Poptheoretiker Martin Büsser gesendet, der vor einem Jahr an Krebs gestorben ist. Besonders schön: Ein Brief an den Sänger der Band „The Clash“, den Büsser nie abgeschickt hat. Die Schlussworte:

„Ein Teil der Gruppe zu sein, heißt sich selbst zu verneinen… aber sobald man seinen Verstand gebraucht, braucht man keine Demo mehr – dann ist man die Demo… Stick the gun out of your mouth. Thanks and Goodbye.“

Auf Büssers Beerdigung spielte eine befreundete Band „Steak for Chicken“ von dem Moldy Peaches – das ich hier mal poste. Auch als Erinnerung an mich selbst: „We are not those kids… sitting on the couch!“

Das Ende der Widersprüchlichkeiten

„Der Kapitalismus sorgt für mich“, hat Peter Licht der FAZ gesagt. Letztens sei ihm die Brille kaputt gegangen, und der Kapitalismus habe ihm eine neue besorgt. Weil Peter Licht trotzdem Lieder vom „Ende des Kapitalismus“ singt, folgert die FAZ, dass er ein konservatives Moment zurück in den Pop bringe – die Einsicht, selbst Teil des Systems zu sein. Statt Klarheit und Krawall gebe es Luhmann und Sloterdijk.

Nun ist von Sloterdijk ist auf dem neuen Album glücklicherweise herzlich wenig zu hören: Seine Rilke-Exegese „Du musst dein Leben ändern“ wiederholt Peter Licht so oft, bis nur noch ein netter Singsang bleibt. „Nur welches Leben soll ich ändern, und welches eben nicht“, fragt Peter Licht stattdessen zurück. Wie er überhaupt eine Menge fragt. So bleibt die Frage: Mit was für einer Haltung haben wir es hier zu tun? Denn nichts anderes versucht Kunst, sie will eine Haltung zur Welt ausdrücken.

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Die Depression ist auch keine Lösung

„Eigentlich ist klar, dass hiernach nichts mehr kommen darf – das bleibt also unter uns“, sagte Andreas Spechtl beim letzten Ja, Panik-Konzert in Berlin noch ganz verschämt. Da hatte er gerade die letzten Worte des Depressions-Manifests DMD KIU LIDT ins Mikrofon gehaucht. Dann spielte er noch ein paar Zugaben.

Beim gestrigen Konzert war DMD KIU LIDT tatsächlich der letzte Song des Abends. Und trotzdem: Die wohl noch nie so schön besungene Depression ist auch keine Lösung (das war sie auch noch nie). Obwohl es bei Ja, Panik bisher hieß „I burnt the manifestos“ kann man ab sofort auf den Konzerten der Band das Büchlein „Ja, Panik: Schriften – Band 1“ erstehen. Darin: die gesammelten Kolumnen, Tourtagebücher und mehr (steht alles auch hier). Lesestoff also. Zu konsumieren in der Zeit, in der einen das doofe System wieder einmal ausgeknockt hat.

„Die kommende Gemeinschaft liegt hinter unseren Depressionen“ heißt also nicht, dass man die Welt verändern kann, indem man einfach abtaucht. Im Gegenteil: Erst im Bett, im Zelt auf öffentlichen Plätzen und überall dort, wo Menschen feststellen, „dass es um mehr als die eigenen paar Problems geht“ (DMD KIU LIDT) – erst da kann die Suche nach dem Anderen überhaupt erst beginnen. Nicht einmal in Ruhe depressiv sein darf man also noch. Aber so viel Spaß hat das ohnehin nie gemacht.

Empört in Berlin

An den Reaktion auf „Occupy Wallstreet“ und die deutschen Ableger konnte man wieder einmal schön das linke Meinungsspektrum vermessen: Während sich die Jungle World noch nicht sicher war, was sie von den Protesten zu halten hat, wusste es die konkret sofort – nämlich nichts: „Wieder mal geht die Post ab, und wieder mal ist KONKRET nicht auf dem Trittbrett … Es war der berühmte Surrealist Klaus Ernst, der über den Klamauk das erlösende Verdikt sprach: ‚Das ist ein Aufstand der Anständigen.‘ Und wer möchte zu denen schon gehören.“

Man muss dieses Urteil nicht teilen, um trotzdem hin und hergerissen zu sein. Zumindest ging es mir so, während ich das Geschehen in Berlin für diesen Fotofilm begleitet habe. Da wird tatsächlich viel Enthusiasmus in die Wagschale geworfen. Dafür, dass es gerade erst damit losgeht, eine gemeinsame Sprache zu finden. Wir haben den Film in Schwarz-Weiß gehalten, um das Pathos ein wenig zu brechen.

Rückblickend habe ich unterschätzt, wie schwierig es ist, eine Geschichte nur mit O-Tönen zu erzählen. Jeder erklärende Nebensatz führt da schon zu weit weg. Und so bin ich wohl ein wenig an der Aufgabe gescheitert, ein inhaltsstarkes Stück über einen (noch?) inhaltlich-diffusen Protest zu machen.

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Deutsch in Kaltland

Kuscheln mit Teddy hilft fast immer – wenn Adorno so über die zwischenmenschliche Kälte redet, wird es einem schon fast wieder warm. Weil wieder klar wird, dass das Problem eben nicht bei einem alleine liegt.

Nun sind zur Zeit jede Menge Menschen auf den Straßen. Ich habe in den vergangen Tagen ein paar jener Menschen begleitet, die in Berlin „echte Demokratie“ fordern – auch heute zum Bundestag. Und erst dabei ist mir klar geworden, worum es ihnen wirklich geht: nicht um Positionen, Programme, Alternativen – sondern erst einmal darum, die Kälte zwischen uns „konkurrierenden Monaden“ (Teddy) zu überwinden. Wir sollen uns wieder trauen, in die Augen zu schauen und im öffentlichen Raum über Dinge reden, mit denen wir uns kaum mehr beschäftigt haben.

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„Es hätte so schön sein können“

Zeichnung: Björn

Nach Inception haben wir es endlich wieder mal geschafft, zusammen ins Kino zu gehen – und zwar in „Melancholia“. Zwei Briefe an Lars von Trier.

Lieber Lars,

ich hoffe, es geht dir gut. Hast du dich von deinen Anfeindungen erholt?

Ich habe unlängst „Drive“ von deinem Landsmann Nikolas Windig Refn gesehen. Ein Meisterwerk. Wunderschöne Bilder. Eine Kameraführung, die ihres gleichen sucht. Ganz fantastisch auch die 80er Musik und der eingebettete Score von Angelo Badalamenti. Alles ist stimmig, das Tempo, das Casting – darunter Ryan Gosling und Albert Brooks – einfach großartig. Carey Mulligan als alleinerziehende Mutter, hin und her gerissen zwischen ihrem Mann, der gerade aus dem Knast kommt, und dem Driver, spielt phänomenal – wie in „Never Let Me Go“ von Mark Romanek.

„Drive“ ist ein Actiondrama, bei welchem sehr schnell klar ist, dass alles den Bach runtergeht. Trotz dieser Erkenntnis in der Mitte des Films will man immer weiter. Dieser Film fesselt. Es ist also ob man selbst ins offene Messer rennt, aber es gibt keinen Weg zurück. Man fiebert mit dem Hauptdarsteller mit – bis zum bitteren Ende. Ganz großes Kino!

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