Ich bin kein Fan von diesen Talkshows. Auch diese hätte zehnmal interessanter sein können. Immerhin ist Jello Biafra zu Gast. Drüben auf Dangerous Minds heißt es zur Sendung: “He has stayed true to his core beliefs while many aging punks have sold out and played it safe.” Das meine ich nicht einmal. Punk hin oder her – Jello Biafra hat einfach immer weitergemacht. Und auf die Frage, wie lange er das noch tun will – warum er sich immer wieder in die gleichen politischen Themen wirft, obwohl sich doch nie etwas zu ändern scheint – sagt er:
Look, you are getting your hearts broken again. But does that mean we give up now and just update our facebook every day and call it a life? Or do we either choose to get louder because this time it might get through?
Die Spex sucht verzweifelt nach neuen Protestsongs. Dabei hat die Band Ja, Panik gerade eine ganze CD mit ihnen aufgenommen.
Das schöne an der Band Ja, Panik ist ja, dass man sie ernst nehmen kann. Zumindest seit sie nicht mehr ständig den Exzess als Ausweg aus der postmodernen Langeweile besingt: In dem verschwurbelten Prolog zu Alles hin, hin, hin, eine Art verspätete Begründung für den eigenen Bandnamen, hieß es vor zwei Jahren: ”Den Prozess der Kybernetisierug aufzuhalten und das Empire zu stürzen, verläuft über eine Öffnung für die Panik.” Die Panik hat etwas befreiendes. Ganz im Gegensatz zur Angst. Angst blockiert, sie ist handlungshemmend, sie verändert nichts, sie vermeidet. Wer aber der Panik des öfteren begegnet, der wird versuchen, sein Leben zu ändern. So die Theorie.
Jetzt ist das neue Album erschienen, es heißt DMD KIU LIDT. Darauf wird viel gesprochen, geflüstert und geschrien – ein permanenter Mix aus deutsch und englisch mit gelegentlichem wienerischen Einschlag. Ja, Panik sind ruhiger geworden, ihre Lieder heißen jetzt This Ship Ought to Sink oder Suicide. ”I didn’t burn my guitar, but yes I burnt the manifestos”, singt Andreas Spechtl in The Horror – dabei schreibt er die ganze Zeit Manifeste, vor allem für den österreichischen Radiosender fm4: “Vom Überleben in der Metropole” heißt die Serie, in der er immer wieder Textpassagen des Albums aufgreift.
Die Neunziger waren keine gute Zeit, um Punk zu werden. Alles schien ganz ok, und alte Helden, wie die Band Vorkriegsjugend, allein wegen des Namens nicht mehr in die Zeit zu passen: Denn keiner hatte mehr Angst vor einem Krieg. Und niemand wusste mehr so richtig, wofür oder wogegen man jetzt konkret noch sein könnte. Unpolitisch sein galt auf einmal als coole Haltung – Oi!. Und dass es nun vor allem Kinder waren, die mit ihren „Punks not dead“ T-Shirt die Bahnhöfe bevölkerten, veranschaulichte nur den Ernst der Lage.
Auch ich hatte so ein T-Shirt. Als sich Slime 1994 aufgelöst haben, war ich zwölf Jahre alt. Eigentlich entstand meine ganze Welt erst durch ihre CDs. Wegen Slime schaute ich nach, was “Yankees” sind. Und vor allem wusste ich irgendwann, was mit Deutschland alles nicht stimmt. Ihre Platten waren unsere Grundausbildung. Wehe, man kannte einen Song nicht. Was ein Pseudo. Das dachten dann sogar wir, in unseren „Punks not dead“-Shirts. Schnell wurde uns damals klar, dass unsere Welt immer noch ein Alptraum ist, auch wenn das Lied dazu aus dem letzten Jahrzehnt kommt. Und wenn man nur laut genug aufdreht, dann kann man zu dem Alptraum sogar tanzen.
“Es besteht kein Grund zur Panik”, endet der Fernsehbeitrag. Wo sollte sie auch herkommen, die Panik? Wir haben ja gerade in allen (un)möglichen Anschlagszenerien irgendjemand sagen hören, dass das Leben irgendwie weiter geht; dass sie weiter Glühwein trinken werden. Außerdem sorgen ab sofort noch mehr Menschen für unsere Sicherheit: In den Bahnen, auf der Straße – ein Service, die Durchsagen, die einen immer wieder daran erinnern, das Gepäck nicht unbeaufsichtigt zu lassen; beruhigend, die Maschinengewehre. Und die vielen Hinweise darauf, wachsam zu sein – es funktioniert: Endlich schauen sich die Menschen in den Berliner U-Bahnen wieder gegenseitig an.
Natürlich dient unsere Angst nicht der Pilotenbespaßung. Aber egal, was passiert, “Die Warnung IST der Terror. Die Furcht VOR dem Anschlag ist der Terror.” (Film und Zitat von hier). Zur Terrorangst und einem möglichen Ausweg, siehe auch diesenFilmhier.
Mit Geburtstagen ist das ja immer so eine Sache: Man weiß nicht richtig, was man feiern soll; gar nichts machen geht aber auch nicht. Um dieses Dilemma zu umgehen, feiern wir jetzt einfach zwei Tage später. Vorgestern also vor einem Jahr, erschien hier der erste Text. Es ging mit pseudo-tiefsinnigen Anspielungen irgendwie um Peter Licht. Später um Protest, vor allem im Iran – noch ein bisschen zu euphorisch, was die Rolle des Internets in Bewegungen anging. Aber das ist ja sowieso die größenwahnsinnige Frage hier: was tun, wenn man gesellschaftliche Veränderung will?
Wir haben Bartleby zum Schutzpatron des Blogs gemacht, als Symbol für eine erste Weigerung (“I’d prefer not to”). Theoretisches Großprojekt sollte sein, irgendwie zu verkünden, dass sich ein theoretischer Pessimisms und ein gewisser praktischer Optimismus nicht ausschließen, im Gegenteil. Der nächste lange Text wird das weiterspinnen und versuchen, auch die Netzkritik mit einzubeziehen. Denn die ist viel zu häufig nur ein Glaubenskrieg, der auf einer handvoll Studien und individuellen Erfahrungen gründet – entweder man ist ein early-adopting Hipster oder ein Kulturpessimist. Einen gesellschaftskritischen Bezug gibt es viel zu selten.
Alles zu viel blabla? Finde ich auch immer wieder. Deshalb gab es hier auch ein paar feine Kurzfilme, und meistens hatte das ja alles sowieso irgendwas mit der Liebe zu tun. Zum Geburtstag gibt es jetzt eine kurze Reportage dazu. Ich habe den Text für die Evangelische Journalistenschule geschrieben. Da verbringe ich jetzt seit zwei Wochen meine Tage. Björn geht es auch gut. Ab und zu sagt er, dass er ein paar mehr wahnsinnige Filmkritiken schreiben oder neue Comics zeichnen will. Die gehören ja eigentlich dazu: Superman, der sich lieber betrinkt und seiner spätmoderneren Version Platz gemacht hat. Die hat das Kryptonit bereits verinnerlicht. Doofe Situation. Wird auch irgendwann weitergehen. Aber jetzt stellt er hier jemand anders vor, dessen Gestalt man als Antwort auf die demografische Frage verstehen könnte.
Velen Dank noch an Paul von der Ape Unit, der sämtliche Layout-Änderungen geduldig zehnfach zurücknehmen musste, um dann doch wieder alles ganz anders zu machen. Und klar, hier wird eigentlich viel zu wenig gebloggt. Aber ich freue mich, wenn ich noch ein paar mehr Menschen per Google Reader oder tumblr verfolgen kann. Jetzt geht es erst einmal auf Liebessuche … shoot!
… oder “Fuck the world”? In dem Video dauert es gerade mal zwei Minuten, bis der eine Schriftzug den anderen ablöst. Die meiste Zeit oszilliert man wohl irgendwie zwischen den beiden Polen hin und her. Elliott Smith hat einem immer versichert, dass das ok ist; dass es ok ist, nicht “Oh Well, Ok” zu sagen. Er starb heute vor sieben Jahren.
Noch ist nichts passiert. Ein paar Menschen latschen durch Pfützen, gucken nach links und gehen dann nach rechts. Wo ist sie denn jetzt, diese „Überraschung“, von der hier alle geflüstert haben? Erstmal ’ne Kippe. Zwei Rentner mit Regenschirmen nähern sich. Am linken Gehsteig rennt ein Typ mit weißer Kapuze die Straße hinunter. Autoreifen drehen durch. Es ist Samstag, und es ist nass in Stuttgart. Die Leute bleiben drinnen. Nur 20.000 sollen es sein, die auf dem Schloßplatz gegen den Bahnhofsumbau demonstrieren. Weniger als sonst. Aber irgendetwas soll passieren. Der Protest wird weitergehen. Eine Überraschung ist angekündigt. Etwas Besonderes.