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	<description>Figuren, Positionen und Comicstrips auf der Suche nach dem gewissen Etwas.</description>
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		<title>Durch die Nacht mit Doctorella</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Apr 2012 18:35:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Pop]]></category>

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		<description><![CDATA[Es folgt eine kurze Hymne auf die Band Doctorella. Seitdem ich am Freitag auf ihrer Record Release Party war höre ich ihr erstes Album &#8220;Drogen und Psychologen&#8221;. So etwas schönes gab es in diesem Jahr noch nicht. Und das hat einen einfachen Grund: Hier gelingt endlich einmal wieder, was bei all den Kapitulations- und Depressionsszenarien [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><object width="500" height="284"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/boYc3AJsy6o?version=3&amp;hl=de_DE" /><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><embed type="application/x-shockwave-flash" width="500" height="284" src="http://www.youtube.com/v/boYc3AJsy6o?version=3&amp;hl=de_DE" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object></p>
<p>Es folgt eine kurze Hymne auf die Band <a title="Doctorella" href="http://doctorella.de/" target="_blank">Doctorella</a>. Seitdem ich am Freitag auf ihrer Record Release Party war höre ich ihr erstes Album &#8220;Drogen und Psychologen&#8221;. So etwas schönes gab es in diesem Jahr noch nicht. Und das hat einen einfachen Grund: Hier gelingt endlich einmal wieder, was bei all den Kapitulations- und Depressionsszenarien im deutschen Diskurspop ein wenig untergegangen ist: Dass nämlich in der richtig guten Musik nicht nur die unerfüllten Bedürfnisse anklingen sollten, sondern auch eine bessere Welt fühlbar wird – zumindest für einen Moment.</p>
<p><span id="more-1977"></span>&#8220;Ich weiß auch, dass der Schnee heute fällt / ich schrei&#8217;s laut: es ist ne bitterkalte Welt&#8221; geht das Lied <em>Ich hol dich aus dem Irrenhaus</em> los und besingt den alltäglichen Wahnsinn, die Rollenbilder, Konventionen und strukturellen Zwänge, die sich in den eigenen Kopf eingegraben haben, um dann Rettung zu versprechen: &#8220;Ich hol dich aus dem Irrenhaus / ich pflück dir einen Blumenstrauß / ich bin verrückt nach deinem Spleen / bin deine Medizin.&#8221;</p>
<h2>&#8220;Die Köpfe voller Schrot&#8221;</h2>
<p>Einen solch verrückten Blumenstrauß gab es zuletzt auf <a title="Schall und Wahn" href="http://liebernichts.de/2010/01/tocotronic-schall-und-wahn/" target="_blank">Tocotoronics Album &#8220;Schall und Wahn&#8221;</a>. Doch der von Doctorella ist eben tanzbar. Der Spaß, den die Frontfrauen Sandra (Gesang/Gitarre) und Kerstin Grether (Gesang/Keyboard) auf der Bühne haben, ist ansteckend, ihr Punk-Rock-Elektro-Synthie-Chanson Mix immer überraschend und wirft mit Zeilen um sich, die einen immer wieder berühren, im Abgründigen wie im Utopischen.</p>
<p>Beispiel Liebe: In <em>Zwei Engel ein Verbot</em> singt Kerstin Grether mit ihrer eindriglichen und herrlich schrägen Stimme: &#8220;Wenn ich mir die Haut aufschneide reicht mein Blut aus für uns beide / und siehst du nicht die Narben, sag: fühlst du dich verraten?&#8221; und besingt dann, was jeder kennt, nur eben noch nie so sagen konnte: &#8220;Wir waren uns nah / und die Köpfe voller Schrot / Liebe ist fürwahr / immer wie Abschied / und noch kälter als der Tod&#8221;.</p>
<p>Da ist also viel Dunkelheit in dem Album (<em>Mädchen auf der Schaukel</em>, <em>Die Reichen tragen schwarz</em>, <em>Like a black butterfly</em>), aber immer gebrochen durch das knallige Doctorella-Prisma und die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Über die Verneinung der Verhaltenszwänge und gängiger Therapieformen – &#8220;Drogen und Psychologen, ihr habt mich nur belogen – von nun an bis in alle Ewigkeit, hör ich nur noch auf mich&#8221; – führt die Reise endlich ins befreite Märchenland: &#8220;Lass uns Märchenwesen sein / uns befreien mit einem Kuss / und versprich mir dass ich keine / hundert Jahre warten muss.&#8221;</p>
<h2>&#8220;Dornröschen, bleib wach!&#8221;</h2>
<p>Wer da nun Eskapismus wittert, muss ein reicher schwarzer Anzugsträger sein. Denn natürlich wissen die Grether <a title="Krawall Mädchen" href="http://www.freitag.de/alltag/1136-krrrawall-maedchen?searchterm=doctorella" target="_blank">Riot Grrrls</a> und Slutwalk-Mitorganisatorinnen, dass die potentiellen Märchengeschichten hier und heute erst noch geschrieben werden müssen – &#8220;Dornröschen, bleib wach!&#8221; schreien sie deshalb dem Traum hinterher. Aber wenn die Sehnsucht keinen Ort mehr findet, wofür sollte sie dann heute kämpfen?</p>
<p>Dass durch den bunten Stilmix einige Lieder etwas überfrachtet sind – geschenkt, verziehen auch das Berlin-Faible. Dafür gibt es Ausgang aus dem bitterkalten Irrenhaus. Und in <em>Wandern durch die Nacht</em> noch mehr: &#8220;Ich fühle diese Zeit wird bleiben / wenn wir den Weg zu zweit beschreiten / und du sagst / wir sind dabei und trotzdem frei.&#8221; Und wenn dieses &#8220;trotzdem&#8221; das nächste Mal verloren geht: einfach Doctorella hören.</p>
<p><object width="500" height="284"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/7zG2ADlxsBc?version=3&amp;hl=de_DE" /><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><embed type="application/x-shockwave-flash" width="500" height="284" src="http://www.youtube.com/v/7zG2ADlxsBc?version=3&amp;hl=de_DE" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object></p>
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		<title>Teil 6: Restrealität</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Mar 2012 12:58:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Björn</dc:creator>
				<category><![CDATA[Know Happiness]]></category>
		<category><![CDATA[Briefe von den Eltern]]></category>

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		<description><![CDATA[Fünf Briefe hat das reiche und hilflose Pärchen nun an ihren verwöhnten und verschwenderischen Sohn geschrieben (Teil 1, 2, 3, 4, 5). Endlich antwortet Björn. Der letzte Teil unserer Serie &#8220;Briefe von den Eltern&#8220;. lieber vater, liebe mutter, ich habe eine ganze weile darüber nachgedacht, ob und wann ich euch diesen brief schreibe. als ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/03/Banner_500.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1941" title="Foto: Björn Bernt" src="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/03/Banner_500.jpg" alt="" width="500" height="231" /></a></p>
<p style="text-align: left;"><strong>Fünf Briefe hat das reiche und hilflose Pärchen nun an ihren verwöhnten und verschwenderischen Sohn geschrieben (Teil <a href="http://liebernichts.de/2011/02/im-still-here/#content" target="_blank">1</a>, <a href="http://liebernichts.de/2011/02/teil-2-absprung/#content" target="_blank">2</a>, <a href="http://liebernichts.de/2011/02/teil-3-rufschadigung/#content" target="_blank">3</a>, <a href="http://liebernichts.de/2011/04/teil-4-bedurfnisse/" target="_blank">4</a>, <a title="Die Jugend ist vorbei" href="http://liebernichts.de/2011/04/teil-5-die-jugend-ist-vorbei/#content" target="_blank">5</a>). Endlich antwortet Björn. Der letzte Teil unserer Serie &#8220;<a title="Briefe von den Eltern" href="http://liebernichts.de/tag/briefe-von-den-eltern/" target="_blank">Briefe von den Eltern</a>&#8220;.</strong></p>
<p>lieber vater, liebe mutter,</p>
<p>ich habe eine ganze weile darüber nachgedacht, ob und wann ich euch diesen brief schreibe. als ich heute morgen aufgewacht bin war es ungewohnt kühl. ich sah aus dem fenster und es war seltsam still. plötzlich musste ich an euch denken, ganz im besonderen an dich, vater. ich schreibe euch jetzt diesen brief, auch wenn ich weiß, dass du, vater, ihn niemals lesen wirst. ich schreibe euch diesen brief, weil er längst überfällig ist. und ich schreibe ihn, damit er geschrieben ist, auf dass ihn andere – anne, liebste nanny: fühle dich angesprochen! – irgendwann einmal lesen werden. und ich schreibe ihn vor allem, weil ich deine antwort, vater, bis heute fürchtete.</p>
<p>ich musste es aus der zeitung erfahren, heute morgen beim frühstück, im stillen und ausnahmweise kühlen beirut &#8211; und nicht von mama oder marsha. wie ich gelesen habe war es ein überaschendender und schmerzloser tod. dafür beglückwünsche ich dich, auch wenn du es nicht verdient hast.</p>
<p><span id="more-1938"></span>wo soll ich anfangen? bei den ausschweifenden partys mit tausend gästen und gängen? bei den benefizgalas in south hampton? herr lehmann mit dem besten witzen des abends – „besser hochschwanger, als niederträchtig“? ich weiß nicht wo. fangen wir mit jugenderinnerungen an. so kann ich wenigstens warm werden für das, was folgen muss.</p>
<p>ich erinnere mich, dass wir als kinder immer den bierschaum abtrinken durften. meinen ersten vollrausch hatte ich mit zwei. du hast uns drei kinder mit in deinen freimaurerclub geschleppt. während marsha und gretchen sich mit sich selbst vergnügten, blieb mir stöpsel in meinem kinderwagen neben dem sauftisch nichts anderes übrig, als unbemerkt an euren bieren zu nippen. anscheinend hatte ich bald den ganzen kinderwagen vollgereiert. ich hatte eine woche dünnpfiff und mama hat mit dir fast einen monat nicht mehr geredet. danach war ich nie wieder im freimaurerclub – bis ich 14 war.</p>
<p>ihr wolltet mich überzeugen, miteinzusteigen: kameradschaft und gesang, wettstreit und bier. ich habe es ehrlich versucht, mein lieber vater, aber all diese jungs waren arg merkwürdig.  sie waren reich, wie wir, beste verbindungen, gebildet, beste schule. doch ich hatte das gefühl, dass  nicht kameradschaft sie einte, sondern der drang zur gegenseitigen demütigung, wie ich sie nicht nur während des wettstreites mit dem floret am eigenen leib zu spüren bekam (bis heute trage ich eine kleine narbe an der rechten schläfe), sondern vor allem bei den saufgelagen. wenn einer schlappmachte, wurde er angpinkelt und angemalt, mit teilweise üblen naziparolen.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/03/schlußx500.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1957" title="Foto: Björn Bernt" src="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/03/schlußx500.jpg" alt="" width="500" height="333" /></a></p>
<p>ein jahr später, ich erinnere mich daran, als wäre es gestern: der kleine klaus von berenbach. wir waren 16 und bildeten uns fest was darauf ein, jetzt zu den jungen herren zu gehören. der „inoffizielle“ aufnahmeritus: wir mussten mit einem älteren um die wette trinken. irgenwann ist der kleine klaus einfach umgekippt. es schepperte laut auf den dielen. einer der alten typen brüllte: „steh auf du kleine fotze!“ klaus rührte sich nicht. erbrochenes lief aus seinem mund. ich wollte, so betrunken wie ich war, ihm aufhelfen, ganz kameradschaftlich. da bekam ich einen tritt: „lass das, du dumme sau!“ kurz wurde es schwarz um mich. dann sah ich einen mob, der wutentbrannt auf den armen klaus eintrat.</p>
<p>die polizei hatte  ihn später im wald gefunden, nackt, tot. fünf tage später wurde klaus beerdigt. auf der beerdigung standen dieselben jungs, die ihn umgebracht hatten, leidend, trauernd. dieselben typen laufen bis heute frei herum und bekleiden tolle posten bei siemens oder basf. gegen zahlung eines gewissen obulusses durfte ich danach endlich aus eurer wiederwärtigen verbindung austreten. du hast mir den austritt nie verziehen, vater.</p>
<p>so, jetzt bin ich warm geworden. reden wir nicht über mich. reden wir über gretchen, der jüngsten, der schönsten. sie war einfach großartig. eine frohnatur, die unsere kaputte familie zusammenhielt, meine schwester. wenn ich nicht schlafen konnte, kam sie in mein bett gekrochen, hat mich in den arm genommen und mir fantastische geschichten erzählt, ganz leise, damit ich einschlafen konnte.</p>
<p>wenn ich missmutig war, kam sie und fragte, was sei. ich antwortete, dass ich es nicht wüsste. dann sagte sie: “für jeden schmetterling, den du siehst, gibt es einen guten gedanken.“ dabei lächelte sie wie nur sie es konnte, und ich glaubte ihr, obwohl es november war und es keine schmetterlinge mehr gab. ich habe ihr mit sieben einen heiratsantrag gemacht. sie lehnte mit  ihren sechs jahren mit der begründung ab, ich sei zu jung für dieses  vorhaben.</p>
<p>gretchen, marsha und ich, wir lebten in unserer eigenen welt. wir bauten ein baumhaus im garten, verteidigten uns gegen kobolde und böse hexen, suchten nach dem topf aus gold unter dem regenbogen, bauten höhlen aus tischdecken und möbeln. wir spielten anne, unserer nanny, lustige streiche – die gute seele hat es uns nie übel genommen.</p>
<p>ich denke gerne an die alte zeit zürück. ich war noch klein damals. uropa gustav war zum mittagessen bei unseren lieben großeltern zu besuch. er war ein lustiger kerl. vollbärtig und bestens gelaunt, rauchte zigarre und hatte schon mittags ordentlich einen im tee – ein lebemann, der in seinem leben nichts zutande brachte. einmal hatte er  seinen boxer dabei: er gretchen, marsha und ich tanzten im kreis und sangen: „ich bin ein großer tanzbär und tanz im kreis herum.“ der boxer, seinen namen weiß ich nicht mehr, lief im kreis gegen unseren kreis und war ganz aufgeregt. damals hatte ich noch keine angst vor hunden  – ach vater, ich verzettele mich hier. es gäbe so schöne geschichten aus unser kindheit und jugend zu erzählen. aber ich muss mich auf das wesentliche beschränken, auf gretchen.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/03/garten_500.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1945" title="Foto: Björn Bernt" src="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/03/garten_500.jpg" alt="" width="500" height="313" /></a></p>
<p>als gretchen 16 jahre alt war, war in der stadt ein großes fest. alle redeten davon. gretchen und mika, ihre beste freundin, hatten nichts anderes mehr im sinn und beschäftigten sich ausschließlich damit, was man zu diesem ereignis anziehen solle oder welche frisur zu tragen sei. ich fand das damals albern. im rückblick kann ich es vielleicht nachvollziehen. für hakon, gretchens damaligem freund, war es ein ebenso großartiges ereignis. sie stellten sich gemeinsam bei dir vor, vater, um dich davon zu überzeugen, länger als bis zwölf uhr nachst bleiben zu dürften. denn ab dann ging die sause erst richtig los! sie schworen auf alles, was ihnen hoch und heilig war, dass sie spätestens um 3 uhr nachts wieder zuhause sei. sie würden nüchtern bleiben und auf die mädels aufpassen und hakon würde gretchen eigens abholen und zurückbringen. du warst schwerlich zu überzeugen, so dass ich für die jungs in die bresche springen musste und vorschlug, sie zu begleiten.</p>
<p>gegen 21 uhr an besagtem tage borgte ich mir deinen silbernen merceds 300 sl und nahm hakons bruder aron mit, damit ich mit meinen 19 jahren <strong> </strong> nicht der einzige ältere auf dem fest wäre. währenddessen brachte hakons und arons vater die anderen vier zum ort der feirlichen verheißung. aron und ich beschlossen, dass das vermeintliche großereignis nur mit einem gewissen bierpegel zu ertragen sei und überließen gretchen, mika und die jungs sich selbst.</p>
<p>aron war außerordentlich trinkfest und kam nach dem fünften bier erst richtig in fahrt. er tanzte ausgelassen zwischen den 13 bis 16 jährigen herum, welche herzlich über ihn lachten. den sanftmütigen aron störte das gar nicht – es spornte ihn nur an. ich ließ mich von seiner tanzlaune anstecken. nach zwölf uhr ließ ich zum ersten mal meine blicke durch die menge schweifen und hielt nach gretchen ausschau. ich sah sie nicht, dachte mir aber nichts weiter. das gelände war groß und das bier machte leichtsinnig.</p>
<p>gegen drei uhr machten aron und ich uns langsam sorgen. wir konnten keinen der vier auf dem anwesen ausmachen, das sich sichtlich lehrte. wir durchkämpten das landhaus, fanden sie aber nicht. schließlich drängten wir in den groß angelegten englischen garten. endlich fanden wir einen aufgelößten hakon und schließlich auch mika und theo. sie sagten, dass sie vor einer ganzen weile hier hinaus geströmt wären und an einem ungewissen zeitpunkt gretchen verloren hätten.</p>
<p>wir durchsuchten mit weiteren freiwillgen das gesamte anwesen, bis zum morgengrauen. gretchen blieb unauffindbar. die polizei durchsuchte die umgebung weitläufig fast zwölf tage lang. dann gaben sie auf. marscha, mama und wir anderen hängten vermisstenanzeigen in läden, bushaltestellen, und an straßenlaternen auf. nach mehreren wochen ohne irgendein lebenszeichen schwand die hoffnung, gretchen jemals wieder zu sehen.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/03/Uethoern_500.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1947" title="Foto: Björn Bernt" src="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/03/Uethoern_500.jpg" alt="" width="500" height="281" /></a></p>
<p>dass wir alle abends mehr tranken als gewöhnlich, machte es nicht besser. wir waren nicht fähig über das geschehen zu sprechen. das thema „gretchen“ wurde in unserem haus in<br />
unausgesprochenem einverständnis zum thabu erklärt. das familienverhältnis unterkühlte zusehens. marsha schloss sich nach der schule in ihrem zimmer ein, mama lief nur noch im pyjama durch das geräumige haus oder lag im bett. und du, lieber vater? du kamst abends immer spät und widmetest dich zunehmens mehr deinen verbindungspflichten. zu dieser zeit kam mir unsere behausung vor wie ein geisterhaus.</p>
<p>ein halbes jahr später fand das weihnachtsfest traditionell mit über 20 gästen in unserem speisesaal statt. wir versuchten stark zu sein, als familie. zumindest öffentlich und zu diesem anlass. man hatte schließlich einen ruf zu verlieren. ich wieß anne an, ein extragedeck für gretchen aufzudecken. du, vater, ließest es klammheimlich kurz vor dem eintreffen der ersten gäste entfernen.</p>
<p>das fest war in seinem gange, alle schmausten ausgelassen gans- und wildbraten. wir tranken teuren wein, redeten über dieses und jenes, die stimmung war gut. sogar marsha und mutter und du lachten auffallend häufig und heiter. zu einem gewissen zeitpunkt, ich hatte wohl schon mehrere gläser wein gelehrt, nahm ich die gute stimmung zum anlaß, das gespräch auf gretchen zu lenken. ich erzählte ein paar lustige geschichten aus unserer kindheit. marsha und mama stimmten tatsächlich mit ein, und ich hatte die wage hoffnung, dass wir endlich gemeinsam mit der tatsache klar kommen würden, gretchen vielleicht niemals wieder zu sehen.</p>
<p>wir spielten uns die bälle gegenseitig zu, und ich sah allen an, wie gut es tat, endlich über gretchen zu sprechen. der rest der familie tat ihren beitrag, vor allem tante edna und onkel charly beteiligten sich rege. dies lief vielleicht eine halbe stunde so, bis mir auffiel, dass einer gar nichts zu diesem verarbeitungsprozeß bei zu tragen hatte. du, vater, saßt am ende des tisches und startest mich an. ich tat so, als bemerkte ich es nicht. plötzlich, aus einem völlig unerwarteten moment heraus polterte es in einer lautstärke über den festtagstisch: „THEMAWECHSEL!“</p>
<p>totenstille im ganzen saal. nur dein schnelles atmen war zu hören. nach einer weile ein erstes räuspern und die frage, ob jemand dessert möchte. leise gespräche kamen in die gänge. schließlich wurden alltagsfloskeln von sich gegeben und über nichtigkeiten geplaudert, als ob nichts geschehen wäre. an diesem tage hatte ich begriffen, dass die zeit des schweigens eingeleutet war. gretchen kam bis zum heutigen tage nie zurück. nie wieder wurde zu irgendeiner anderen gelegenheit ein wort über sie verloren.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/03/labyrinthx500.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1956" title="Foto: Björn Bernt" src="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/03/labyrinthx500.jpg" alt="" width="500" height="169" /></a></p>
<p>ich dachte fast täglich an gretchen und gab mir mitschuld für ihr verschwinden. meine leistungen in der schule nahmen rapide ab. ich sah keinen sinn in all dem. als ein halbes jahr später schließlich &#8211; weil meine fehlzeiten in der schule attestzwang heraufbeschworen und beschwerden über mein ungepflegtes äußeres, mein wohl auffällig zu tage tretender zustand der zerstreutheit auf grund von alkohol- und drogenkonsum ins haus prasselten – war der punkt für euch erreicht, ernstzunehmende schritte einzuleiten.</p>
<p>du, mutter, batest mich inständig, mit vater zu verreisen. ich willigte nur ein, weil tante edna mit kam. eine zweisamkeit mit dir, vater, alleine wäre mir unerträglich gewesen. es war ein gewohnter urlaub. ich, du und edna sind fast täglich auf dem adler um die insel gefahren und haben die happy hour genutzt, um uns mit grog und lilien abzuschießen. ihr wart schwer betrunken und ich musste, nicht minder betrunken, die s-klasse von tante edna zurück durch die dünen zu unserem strandhaus kurven.</p>
<p>wir waren unbeschwert, sorglos, im nebel des alkohols – wie immer, wenn wir uns alle gut verstanden. das stück restrealität war eine ertragbare, unversehrte. anders ging es nicht. nur halb betäubt konnten wir miteinander umgehen. auch wenn das traurig ist, in diesem urlaub ging es mir, und ich glaube auch euch, doch zum ersten mal wieder gut – weit weg von gretchen und errinerungsschwerer umgebung.</p>
<p>am letzten tag unserers urlaubs, wir aßen fürstlich bei gosch und tranken drei flaschen kühlen weißweins, nachdem tante edna den tisch für eine zigarette im windigen draußen verlassen hatte, kamst du damit heraus, was denn der eigentliche grund dieses urlaubs sei. du und mutter hättet euch schwere gedanken über mich gemacht. ihr wäret zu der entscheidung gekommen, dass es das beste sei, wenn ich meine restliche schulzeit auf einem internat bestreite. meine freunde bekämen mir außerordentlich schlecht und ein „tapetenwechsel“ würden mir herzlich gut tun. darüber hinaus würde ein abschluss, speziell an diesem renomierten internat in der schweiz, den zugang zu sämtlichen eliteuniversitäten verschaffen.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/03/rausch_500.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1944" title="Foto: Björn Bernt" src="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/03/rausch_500.jpg" alt="" width="500" height="232" /></a></p>
<p>ich ließ das kurz auf mich wirken und willigte dankbar ein. „nur weg von euch!“, war mein einziger gedanke. du warst sehr froh, vater, das sah ich dir an. ich denke, du hattest widerstand erwartet. nichtsdestotrotz konntest du es dir nicht nehmen lassen, kurz bevor du den tisch verließest, um das stille örtchen aufzusuchen, mir deine hand auf die schulter zu legen und bedächtig und langsam mit festem blick in meine augen zum abschluss dieses so genannten „vater-sohn-gesprächs“ zu sagen: „ jedes produkt, egal wie billig es ist, oder wie teuer es ist, muss seine versprechungen erfüllen.“</p>
<p>ich bin dein produkt. und wenn du mich fragst, erfülle ich alle versprechungen, die von mir erwartet und befürchtet werden.</p>
<p>zurück in unserem damaligen wohnort stockholm, packte ich eiligst meine sachen, um meine reise zu dem internat in der schweiz anzutreten. ich strengte mich an und verbuchte gute leistungen. eure einladungen zu familien- oder weihnachsfesten lehnte ich die nächsten zwei jahre bestimmt aber freundlich ab und verbrachte die ferien bereitwillig im internat, unter festtagsbeleuchtung mit dem dienstpersonal in den leeren hallen der schule.</p>
<p>ich schrieb mich in harvard ein, jura war nicht meine sache, ich wechselte auf physik. da passierte das unvermeidliche. ich traf auf hakon. das war wie ein schlag ins gesicht.  permanent lief er mir über den weg und erinnerte mich stets an gretchen. im gespräch war er stets unbeschwert, kein wort von gretchen, was mich innerlich unglaublich leiden ließ. auf der anderen seite war ich neidisch darauf, dass man eine person so einfach in die untiefen seines gedächtnisses verbannen kann.</p>
<p>die letzten zweieinhalb jahre strebsahmsten schulbesuchs waren wie weggewischt. gretchen war wieder in meinem hinterkopf, drogen und alkohol wurden wieder meine besten freunde. meine zensuren waren katasthrophal. nach mehrmaligen universitätenwechsel war ich dank deinem zutun, vater, schließlich in camden gelandet. auch dies brachte keine großartige verbesserung. mein mitbewohner war ein chemieass und der drogenkocher auf dem campus. die quelle war nah. ich als sein assistent in langen nächten natürlich sein bester kunde. als ich mir ausrechnen konnte, wann in camden endgültig meine tage als student gezählt waren, packte ich meine sieben sachen und ließ mich treiben.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/03/zukunft_500.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1948" title="Foto: Björn Bernt" src="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/03/zukunft_500.jpg" alt="" width="500" height="333" /></a></p>
<p>was danach geschah? naja. ich würde es eine rastlose odyssee durch die welt bezeichnen. genug orte zum hinreisen gab es wohl. und auch wenn ich teilweise finanziell in die bredouille kam, schwer war das leben in den letzten paar jahren eigentlich nie. besitztümer haben wir auf der ganzen welt. zur not hatte ich deine kreditkarte. auch wart ihr gutgläubig genug, all euren schmuck und sämtliche verkaufbaren gegenstände rund um den erdball zu verteilen. das zu verscheuern und zur baren münze gemacht zu haben, tut mir denkbar wenig leid. ich wundere mich immer noch über  das nicht monierte fabergé-ei. ich habe einiges abgegriffen, um mein leben zu erleichtern. um den alten ferrari tut es mir herzlich leid, ein echt schöner wagen.</p>
<p>ich gebe zu, kaum rechenschaft abgelegt zu haben, über das, was mir angekreidet wird. der einfachste grund, und das werdet ihr wohl schon verstanden haben, vater und liebe mutter, ist eurer umgang mit dem thema gretchen. ihr werdet das bestreiten. eure erklärung wird sein – und hier spreche ich mit euren worten – ich hätte all das gemacht, um zu rebellieren, aus langeweile, zur bewußten rufschädigung unserer familie, was weiß ich. vielleicht auch einfach, weil ich es konnte, oder weil es mir egal sei.</p>
<p>und hierbei würde ich euch recht geben. denn das ist ja das schöne an dem heute: alles ist einfach total scheißegal.</p>
<p>euer sohn</p>
<p>björn yorrick nikolaus<br />
beirut 18/03/2012</p>
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		<item>
		<title>Zum Nachhören: Kritische Theorie und Emanzipation</title>
		<link>http://liebernichts.de/2012/01/zum-nachhoren-kritische-theorie-und-emanzipation/</link>
		<comments>http://liebernichts.de/2012/01/zum-nachhoren-kritische-theorie-und-emanzipation/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 23 Jan 2012 21:08:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Inzwischen sind alle Vorträge der Bielefelder Tagung &#8220;Kritische Theorie und Emanzipation&#8221; von vergangenem November hochgeladen und freuen sich über Hörer_innen. Als da wären: Alex Demirovic: Was ist Kritische Theorie? Rüdiger Dannemann: Zur Kritik der Verdinglichung Heinz Gess: Kritische Theorie über den Antisemitismus Isabelle Klasen: Über Begriff und Aktualität der Kulturindustrie Dirk Braunstein: Kritische Theorie und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/01/tagung_kritische_theorie.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1925" title="Listen up" src="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/01/tagung_kritische_theorie.jpg" alt="Foto: photography.andreas, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0" width="500" height="334" /></a></p>
<p>Inzwischen sind alle Vorträge der Bielefelder Tagung &#8220;<a title="Kritische Theorie und Emanzipation" href="http://kritischetheorieundemanzipation.blogsport.de/" target="_blank">Kritische Theorie und Emanzipation</a>&#8221; von vergangenem November <a title="Tagung zum Nachhören auf Mixcloud" href="http://www.mixcloud.com/tag/tagung-zur-kritischen-theorie-und-emanzipation/" target="_blank">hochgeladen</a> und freuen sich über Hörer_innen. Als da wären:</p>
<ul>
<li><a title="Was ist Kritische Theorie?" href="http://www.mixcloud.com/associationcritique/alex-demirovic-was-ist-kritische-theorie-eroffnungsvortrag/" target="_blank">Alex Demirovic: <em>Was ist Kritische Theorie? </em></a></li>
<li><a title="Kritik der Verdinglichung" href="http://www.mixcloud.com/associationcritique/rudiger-dannemann-zur-kritik-der-verdinglichung/" target="_blank">Rüdiger Dannemann: <em>Zur Kritik der Verdinglichung</em></a></li>
<li><a title="Kritische Theorie über den Antisemitismus" href="http://www.mixcloud.com/associationcritique/heinz-gess-kritische-theorie-uber-den-antisemitismus/" target="_blank">Heinz Gess: <em>Kritische Theorie über den Antisemitismus</em></a></li>
<li><a title="Über Begriff und Aktualität der Kulturindustrie" href="http://www.mixcloud.com/associationcritique/isabelle-klasen-uber-begriff-und-aktualitat-der-kulturindustrie/" target="_blank">Isabelle Klasen: <em>Über Begriff und Aktualität der Kulturindustrie</em></a></li>
<li><a title="Kritische Theorie und die Kritik der politischen Ökonomie" href="http://www.mixcloud.com/associationcritique/dirk-braunstein-kritische-theorie-und-die-kritik-der-politischen-okonomie/" target="_blank">Dirk Braunstein: </a><em><a title="Kritische Theorie und die Kritik der politischen Ökonomie" href="http://www.mixcloud.com/associationcritique/dirk-braunstein-kritische-theorie-und-die-kritik-der-politischen-okonomie/" target="_blank">Kritische Theorie und die Kritik der politischen Ökonomie</a><br />
</em></li>
<li><a title="Feminismus und Kritische Theorie" href="http://www.mixcloud.com/associationcritique/barbara-umrath-feminismus-und-kritische-theorie/" target="_blank">Barbara Umrath: <em>Feminismus und Kritische Theorie</em></a></li>
</ul>
<p>Ziel kritischer Theorie ist es übrigens, wie auf der <a title="Tagungsseite" href="http://kritischetheorieundemanzipation.blogsport.de/" target="_blank">Tagungsseite </a>nachzulesen, &#8220;Leben und Denken im bewussten Widerspruch zu organisieren. Kurz: <em>Weder sich von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht  sich dumm machen zu lassen (Theodor W. Adorno).&#8221;</em></p>
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		<title>Emile</title>
		<link>http://liebernichts.de/2012/01/emile/</link>
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		<pubDate>Sat, 21 Jan 2012 11:55:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Know Happiness]]></category>

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		<description><![CDATA[In der Natur sind die Bedüfniswelten noch klar: Die Animation Who I Am and What I Want zeigt, wie es sein könnte. (via)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><object width="500" height="278"><param name="allowfullscreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="movie" value="http://vimeo.com/moogaloop.swf?clip_id=298584&amp;server=vimeo.com&amp;show_title=0&amp;show_byline=0&amp;show_portrait=0&amp;color=00adef&amp;fullscreen=1&amp;autoplay=0&amp;loop=0" /><embed src="http://vimeo.com/moogaloop.swf?clip_id=298584&amp;server=vimeo.com&amp;show_title=0&amp;show_byline=0&amp;show_portrait=0&amp;color=00adef&amp;fullscreen=1&amp;autoplay=0&amp;loop=0" type="application/x-shockwave-flash" allowfullscreen="true" allowscriptaccess="always" width="500" height="278"></embed></object></p>
<p>In der Natur sind die Bedüfniswelten noch klar: Die Animation <em>Who I Am and What I Want</em> zeigt, wie es sein könnte.  (<a title="Curious Brain" href="http://thecuriousbrain.com/?p=28203" target="_blank">via</a>)</p>
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		<title>Überall, nur nicht hier</title>
		<link>http://liebernichts.de/2012/01/uberall-nur-nicht-hier/</link>
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		<pubDate>Thu, 19 Jan 2012 15:12:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn es statt „Wofür lebst du eigentlich?“ nur noch „Wovon lebst du eigentlich?“ heißt: Die Zeitschrift „Testcard“ fragt in ihrer aktuellen Ausgabe nach den Überlebensmöglichkeiten der Popkritik. Am schönsten hat es David Mackenzie in seinem Film &#8220;Perfect Sense“ veranschaulicht. Um zu zeigen, wie „Überleben“ funktioniert, braucht er nicht einmal Zombies, erst recht keine ineinander fallenden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/01/lego-zombie2x.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1889" title="lego-zombie" src="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2012/01/lego-zombie2x.jpg" alt="Foto: Pedro Vezini, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0" width="500" height="303" /></a><strong></strong></p>
<p><strong>Wenn es statt „Wofür lebst du eigentlich?“ nur noch „Wovon lebst du eigentlich?“ heißt: Die Zeitschrift „Testcard“ fragt in ihrer aktuellen Ausgabe nach den Überlebensmöglichkeiten der Popkritik.</strong></p>
<p>Am schönsten hat es David Mackenzie in seinem Film &#8220;Perfect Sense“ veranschaulicht. Um zu zeigen, wie „Überleben“ funktioniert, braucht er nicht einmal Zombies, erst recht keine ineinander fallenden Planeten. In „Perfect Sense“ verlieren die Menschen nach und nach all ihre Sinne. Trotzdem geht ihr Leben immer irgendwie weiter: Können sie nicht mehr riechen, würzen sie ihr Essen um ein Vielfaches. Können sie nicht mehr hören, pressen sie ihre Ohren dicht an die Musikboxen. Vielleicht schmecken sie ja doch noch etwas, vielleicht fühlen sie wenigstens, wie die Vibrationen der Musik den eigenen Körper treffen.</p>
<p>Gegen Ende verlieren Ewan McGregor und Eva Green dann ihr Augenlicht, während sie aufeinander zugehen. Sie schaffen es gerade noch, sich aneinander festzuhalten. Eine Stimme aus dem Off sagt: „Wenn sie jetzt jemand sehen würde, sähen sie aus wie ein normales Liebespaar. Sie wissen alles, was sie wissen müssen – selbstvergessen gegenüber der Welt um sie herum. Nur so geht das Leben weiter.“</p>
<p>Im Überlebensmodus ist die Welt um uns herum nur noch ein Störfaktor. Ob nun in Zombie-, Katastrophenfilmen oder sonstigen Weltuntergangszenarien – selten hatte der Kampf ums Überleben einen so prominenten Platz in der Popkultur wie heute. Dabei geht es nur scheinbar  immer ums Ganze: Im Grunde geht es immer nur darum, selbst irgendwie über die Runden zu kommen: die volle Dröhnung Nichts.</p>
<p><span id="more-1884"></span></p>
<h2>Egal wie, egal wofür</h2>
<p>Der Popkritiker Martin Büsser hat das Phänomen des „Überlebens“ einmal am Beispiel von Phil Collins erzählt (nachzulesen, wie alle folgenden Zitate von ihm in dem wundervollen Buch: „Music is my Boyfriend: Texte 1990 bis 2010“ – Martin Büsser starb Ende 2010 an Krebs). Phil Collins mache Musik, von der niemand sagen könne, wofür sie eigentlich steht – von Phil Collins selbst einmal ganz zu schweigen.</p>
<p>Seine Musik schwebe nun seit nunmehr als 30 Jahren überall &#8220;in the air&#8221;: „Er ist der erste Mensch, dem es gelang, alleine über die Erzeugung von völliger Interesselosigkeit zum Milliardär zu werden“, schreibt Büsser. Überleben, egal wie, egal wofür – das Prinzip begleitet die Popkultur mit Phil Collins mindestens seit den 70er Jahren. Der Punk hatte sich mit seinem „No Future“ abzugrenzen versucht, gesagt: das hier ist kein Leben. Doch geblieben ist nicht Punk, sonder Phil.</p>
<h2>Wenn nur noch Bier und Küsse schmecken</h2>
<p>Was hat das nun für Folgen? Wie sich diese Kultur des Überlebens und des Durchwurschtelns, die man aus allen sozialen Sphären kennt entwickelt hat, könnte man auch in dem Wandel von der „Kulturindustrie“ zur „Popkukultur“ beschreiben. Beide Begriffe charakterisieren nie ein gesellschaftliches Subsystem, sondern immer die Gesellschaft als Ganzes. Kulturindustrie beschreibt nach Adorno den Versuch, die vormals nur einer Elite zugängliche Hochkultur in der aufgekommenen Massengesellschaft zu verankern. Da in der Massengesellschaft die Warenproduktion alle Lebensbereiche durchdringt, wird auch die Kultur zur Ware.</p>
<p>Popkultur wäre demzufolge der Zustand, in dem die Ware selbst zur Kultur erhoben wird, Pop somit eine &#8220;medial vermittelte Intensität, die im Leben einzulösen den Rezipienten bereits deshalb unmöglich erscheint, weil sie diese Intensität schlechthin nur noch als medial vermittelte kennen.&#8221; (Büsser) Die Popkultur reproduziert die immer gleichen Versprechen nach Liebe und intensivem Erleben, &#8220;weil uns in einer Welt, wo nur noch Bier und Küsse schmecken, nichts anderes bleibt, als entweder vom Verlust zu singen oder die Lust zu trommeln&#8221;. Am schlimmsten ist für Büsser die Musik, die sich in diesen Chor einfügt, „die sich gleich als Musik zu erkennen gibt“, gut ist die Musik, „bei der die Ohren weghören wollen“.</p>
<h2>Verstörung gesucht</h2>
<p>Um die Geschichte dieser „relevant verstörenden Ästhetik“ nachzuzeichnen, gründete Büsser 1995 das Magazin &#8220;Testcard – Beiträge zur Popgeschichte&#8221;. Um sich mit der Umsetzung einer Idee zu beschäftigen, die &#8220;inhaltlich wie formal dazu beschaffen ist, den jeweiligen gesellschaftlichen Status quo in Frage zu stellen, dessen Wertvorstellungen zu erschüttern.&#8221;</p>
<p>Seitdem erscheint die Testcard halbjährlich, mit rund 300 Seiten eher ein Buch als ein Magazin. Sie will das Scheitern der Gegenkulturen aufzuzeigen, ebenso wie die Momente ihres Gelingens. Momente, in denen es die Musik noch schafft, Intensität und Erleben zu erzeugen, und so vielleicht ein gefühltes Wissen über irgendeinen Weltzusammenhang zu vermitteln, der in einer gesammelten Werkausgabe nicht einmal anklingen könnte.</p>
<h2>Das Neue und die Nische</h2>
<p>Warum ist die Suche nach diesen verstörenden Momenten nun so schwer geworden? Zum einen, weil der so verstandenen Avantgarde seit geraumer Zeit eine Kategorie abhanden gekommen ist: die des „Neuen“. Der britische Musikkritiker Simon Reynolds hat das im vergangenen Jahr in seinem Buch &#8220;Retromania&#8221; beschrieben. Der digitale Zugang zu den kulturellen Artefakten der Vergangenheit, stelle eine Form des Überflusses dar, die längst Krise geworden sei. Musik bestehe zu weiten Teilen nur noch aus Referenzen. Somit ist das per se verstörende Element des „Neuen“ weggefallen ist. Popmusik und dessen Kritik befinden sich weitgehend in einem selbstreferentiellen Loop, so lautet die Bestandsaufnahme.</p>
<p>Zum anderen haben sich die, die sich von dem Mainstream abgrenzen wollen, in Nischen eingenistet, eigene Netzwerke, alternativen Vertriebswege gefunden. Was zu begrüßen ist, aber eben ein Wahrnehmungsproblem zur Folge hat: Wer soll da den Überblick behalten? Und wie sollen die vielen Nischen eine Wirkung erzeugen? In einem seiner späteren Texte äußerte Büsser deshalb die Hoffnung, dass all diese Nischen zusammengenommen den Mainstream und seine Formate wie DSDS selbst als Nische erscheinen lassen werden.</p>
<h2>„Wovon lebst du eigentlich?“</h2>
<p>Womit wir beim eigentlichen Problem sind: Denn selbst in der Nische ist das Musikmachen häufig nur noch als eine Art spät-pupertärer Luxus möglich. Irgendwann muss irgendwo Geld her. Und das wird bekanntlich immer schwieriger. „Überleben: Pop und Antipop in Zeiten des Weniger“ heißt so die im Dezember erschienene Testcard-Ausgabe.</p>
<p>Erwerbsmöglichkeiten und Lebensmodelle hätten sich auf eine Art und Weiße verdünnt, heißt es im Editorial, dass sich die Frage nach der eigenen materiellen und ideellen Lebensgrundlage immer intensiver aufdränge: „Finanzielle und kulturelle Kapitalströme wurden umgeleitet, Konzern-Renditen maximiert, Verluste ,sozialisiert&#8217;, Sozialleistungen einkassiert, reale (bezahlte) Infrastrukturen und Produkte (vielfach ins Unbezahlte) virtualisiert oder (vielfach ins Unbezahlte) ideologisiert…“. Statt „Wofür lebst du heute eigentlich?“ heiße es heute nur noch „Wovon lebst du eigentlich?“</p>
<p>Vier Verhaltensmuster ständen diesen Bedingungen des „Überlebens“ gegenüber: 1. Ignorieren „(oft hilfreich aber naiv“) 2. Rumjammern („hilft, aber führt nicht weiter“) 3. Konvertieren („im Arschloch des Systems verschwinden“) 4. &#8220;Die ökonomischen Macht- und Feldverschiebungen möglichst nüchtern analysieren und möglichst un-ernüchterte Positionen dazu entwickeln, erproben und gegebenenfnalls erkämpfen.&#8221; Die Testcard verschreibt sich freilich letzterem.</p>
<h2>Das Starsystem der Popkultur</h2>
<p>Sie tut das zum Beispiel mit begrifflichen Annäherungen im Gespräch mit Falko Schmieder, der  einen 400 Seiten schweren Sammelband zum Thema herausgegeben hat, Ergebnis der vor zwei Jahren an der Akademie der Künste stattgefundenen Tagung: „Überleben. Ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften?“. Der Begriff des „Überlebens“ kommt immer dann ins Spiel, so Schmieder, &#8220;wenn gewohnte Lebensvollzüge oder Reproduktionsdynamiken grundsätzlich prekär geworden sind, wenn sie gewissermaßen im Zeichen einer existentiellen Bedrohung oder Gefahr gesehen werden, die von allgemeiner gesellschaftlicher Bedeutung ist.&#8221; So geschehen in den Theorien von Darwin und Marx, zu Beginn der Moderne.</p>
<p>Wie prekär die Lage heute ist, beschreibt David Schwertgen. Bei rund 11.500 Euro liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen von Küntler_innen, Musiker_innen und Autor_innen unter 40 Jahren laut Künstlersozialkasse. Wie da rauskommen? Vor allem, indem keiner mehr dem gängigen Starsystem der Industrie folge, demzufolge es zuerst darauf ankäme, in den eigenen Namen zu investieren, ehe die Pop-Ökonomie diesen verwerte: „Wer plant als Kulturproduzent_in ein anständiges Leben zu führen, sollte es von Anfang an ablehnen, seine Arbeit umsonst anzubieten, auch wenn es eine stetig nachwachsende Armee von Praktikant_innen gibt, die diese Lektion noch schmerzhaft lernen muss.“</p>
<p>Eine Entwicklung, die Diedrich Diederichsen schon seit geraumer Zeit, so auch in dieser Ausgabe, als „Selbstverwirklichungselend“ anprangert. Ansonsten plädiert er im Gespräch dennoch für das Verlassen der Nische: “Ich glaube es fehlt an geteilten Zeichen und Habitus-Elementen der gerade überall entstehenden potentiellen globalen Linken der Zukunft, aber auch an Begriffen und Zielen, also eigentlich an Internationalität und Mainstreamfähigkeit, nicht von der Substanz her, aber von der Sprache. Ich hätte nie gedacht, als alter Subkulturalist, so etwas einmal zu fordern. Aber soweit ist es gekommen.&#8221;</p>
<h2>Bedürfnisse anklingen lassen</h2>
<p>Daniel Kulla geht weiter. Es gehe eben nicht darum, &#8220;das gute Leben in seiner Szene&#8221; zu suchen, sondern, wie es in dem Büchlein „Der kommenden Aufstand“ heiße, „mit jenen Organisationen zu brechen, die nur noch mit ihrer Selbsterhaltung beschäftigt sind.&#8221; Der Rückzug in die Nische sei bereits Resultat verlorener Kämpfe. Insofern geht die Programmatik für ihn bis hin zu Aneignung und Besetzung, fängt aber bereits &#8220;mit jeder Handlung, Äußerung, Note oder Zeile an, in der das traurige Dasein dieser Wünsche und Bedürfnisse anklingt, in der diese erkennbar werden, die zu ihrer Erfüllung aufreizt oder die sie bereits praktisch zu erfüllen beginnt.&#8221;</p>
<p>Es scheint, als fordern die Bedingungen des „Überlebens“ zwar die Abgrenzung und damit auch die Nische. Aber den permanenten Überlebensmodus legt man erst mit dem Schritt nach draußen wieder ab. Und ein gewisses Maß an Blindheit, an Naivität, hat noch nie geschadet, um selbstreferentiellen Schleifen zu entkommen. Oder, wie es Martin Büsser einmal über die nur noch um sich selbst kreisende Hardcore-Szene schrieb: „Diese Sprüche müssen draußen stattfinden, wo auch immer ihr euch befindet. Überall, nur nicht hier, wo es eh&#8217; schon jeder wissen sollte.“</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Occupy Melville</title>
		<link>http://liebernichts.de/2011/12/was-tun-herman-melville/</link>
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		<pubDate>Sun, 11 Dec 2011 20:26:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Herman Melville]]></category>
		<category><![CDATA[was tun?]]></category>

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		<description><![CDATA[Ob in Moby Dick, Bartleby oder Billy Budd – immer fragt Herman Melville nach den Handlungsmöglichkeiten in der totalen Gesellschaft. Welches Modell brauchen wir heute? Als die Berliner Volksbühne jüngst eine Moby-Dick-Nacht veranstaltete, interessierte das kein Schwein. Dabei war viel geboten: Es gab einen Vorlesemarathon, im Hintergrund lief die Film-Adaption von John Houston, im Foyer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><a href="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2011/12/melville1.jpg"><img class="size-full wp-image-1852 aligncenter" title="Foto: Dunechaser, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0" src="http://liebernichts.de/wp-content/uploads/2011/12/melville1.jpg" alt="" width="500" height="303" /></a><strong>Ob in <em>Moby Dick</em>, <em>Bartleby</em> oder <em>Billy Budd</em> – immer fragt Herman Melville nach den Handlungsmöglichkeiten in der totalen Gesellschaft. Welches Modell brauchen wir heute?<br />
</strong></p>
<p>Als die Berliner Volksbühne jüngst eine Moby-Dick-Nacht veranstaltete, interessierte das kein Schwein. Dabei war viel geboten: Es gab einen Vorlesemarathon, im Hintergrund lief die Film-Adaption von John Houston, im Foyer und in den Gängen des Theaters vermischten sich Gelehrten-Kommentare und Interpretationen mit E-Gitarren. Sie war ein lauter, aber auch ein liebloser und leerer Walfänger, diese Volksbühne. Als könne zum 160. Geburtstag des Romans keiner mehr was mit Moby Dick anfangen.</p>
<p>„Es ist nur ein Wal“, sagt auch Kapitän Ahab aka William Hurt in der Neu-Verfilmung, die RTL kürzlich ausstrahlte. Alles, was hier vom metaphysisch aufgeladenen Schinken bleibt, ist das Abenteuer eines naiv-glotzenden Jünglings namens Ismael. Wobei – wen interessieren auch Hunderte von Seiten über Schiffsknoten und Walfanggeschichte? Wer wollte das lesen oder gar anschauen?</p>
<p><span id="more-1850"></span></p>
<p>Man fragt sich, was Melville zu unserer Zeit beizusteuern hätte. Im Grunde schrieb er die immer gleiche Geschichte: Ein Jüngling fährt zur See, gefangen auf dem Schiff wird alles irgendwie zur Qual. Oder: Das Subjekt in der Gesellschaft. Und immer geht es um die Frage: Was tun, Jüngling? Weil auf Seeabenteuer schon damals niemand mehr Lust hatte, verlegte Melville die Erzählung vom gefangenen Subjekt aufs Land: Zwei Jahre nach Moby Dick schuf er in der Novelle Bartleby, der Schreiber – Eine Geschichte aus der Wall Street einen Urahnen der Occupy-Bewegung.</p>
<p>Bartleby ist als Kopist in einer Kanzlei beschäftigt. Nach kurzer Zeit hat er keine Lust mehr zu arbeiten. Formelhaft wiederholt er sein Mantra: „Ich möchte lieber nicht“, auch wenn er gefragt wird, was er stattdessen tun möchte. Von Gilles Deleuze bis zum Tiqqun-Kollektiv, überall musste der arme Kerl schon als Symbol für das aufbegehrende Subjekt herhalten, das die Alternativlosigkeit des Kapitalismus derart verinnerlicht hat, dass es nicht mehr weiß, was es denn tun könnte. Es bleibt nur die Geste der Verweigerung.</p>
<p>Bartlebys Nachfahren wurden mittlerweile aus dem Zuccotti Park geschafft, er selbst verhungerte im Gefängnis. Moralisch ist nur der, der den Mund nicht aufmacht. Alsbald verstummte auch Melville und fand erst 30 Jahre später seine Sprache wieder: In Billy Budd sind die Seeleute zwangseinberufen. Billy, ein Findelkind, stottert und kann sich nicht verteidigen, als ihn der bösartige Polizeichef beschuldigt, eine Meuterei angezettelt zu haben. Billy schlägt ihn daher mit einem Fausthieb tot. „Hätte ich reden können, so hätte ich nicht zugeschlagen“, sagt er, ehe er gehängt wird. Melvilles Fazit: Zuschlagen und hingerichtet werden. Oder „Lieber nicht“ sagen und verhungern.</p>
<p>Lieber wieder zurück zu Moby Dick: Es gibt eben nichts Wichtigeres als die Kapitel über Walfang und Schiffstechnik! Ismael studiert alle Gerätschaften, ackert sich durch die Geschichte des Metiers. Er analysiert, was ihn beherrscht, entwickelt eine Haltung aus naiver Empirie und angelesenem Wissen heraus, versucht das Geschehen und den weißen Wal sprachlich zu fassen. Man könnte das immanente Kritik nennen.</p>
<p>Was Ismael am Schluss das Leben rettet, ist allerdings der pure Zufall:  Der eigens für den Harpunier Quiqueck gezimmerte Sarg steigt aus dem  Strudel der sinkenden Pequod empor und wird für Ismael zur Rettungsboje.  Die gibt es auf jedem noch so totalen Schiff. Hoffentlich.</p>
<p style="text-align: right;">(zuerst erschienen in <a title="der Freitag" href="http://www.freitag.de/kultur/1149-occupy-melville" target="_blank">derFreitag 49/11</a>)</p>
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		<title>I tried to dance</title>
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		<pubDate>Sat, 03 Dec 2011 19:55:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Know Happiness]]></category>

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		<description><![CDATA[… and I failed. Schön morbide Animation  für die dunkle Jahreszeit. (via)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><object width="500" height="375"><param name="allowfullscreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="movie" value="http://vimeo.com/moogaloop.swf?clip_id=32509653&amp;server=vimeo.com&amp;show_title=0&amp;show_byline=0&amp;show_portrait=0&amp;color=00adef&amp;fullscreen=1&amp;autoplay=0&amp;loop=0" /><embed type="application/x-shockwave-flash" width="500" height="375" src="http://vimeo.com/moogaloop.swf?clip_id=32509653&amp;server=vimeo.com&amp;show_title=0&amp;show_byline=0&amp;show_portrait=0&amp;color=00adef&amp;fullscreen=1&amp;autoplay=0&amp;loop=0" allowfullscreen="true" allowscriptaccess="always"></embed></object></p>
<p>… and I failed. Schön morbide Animation <del> für die dunkle Jahreszeit</del>. (<a title="The Curious Brain" href="http://thecuriousbrain.com/?p=27001" target="_blank">via</a>)</p>
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		<title>We are not those kids…</title>
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		<pubDate>Sat, 19 Nov 2011 16:18:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Pop]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Zündfunk hat am 15.10. eine Hommage an den Poptheoretiker Martin Büsser gesendet, der vor einem Jahr an Krebs gestorben ist. Besonders schön: Ein Brief an den Sänger der Band &#8220;The Clash&#8221;, den Büsser nie abgeschickt hat. Die Schlussworte: &#8220;Ein Teil der Gruppe zu sein, heißt sich selbst zu verneinen… aber sobald man seinen Verstand [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><object width="500" height="303"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/pIkQJxnIVO0?version=3&amp;hl=de_DE" /><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><embed type="application/x-shockwave-flash" width="500" height="303" src="http://www.youtube.com/v/pIkQJxnIVO0?version=3&amp;hl=de_DE" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object></p>
<p>Der Zündfunk hat <a href="http://www.br-online.de/podcast/mp3-download/bayern2/mp3-download-podcast-zuendfunk-langstrecke.shtml">am 15.10.</a> eine Hommage an den Poptheoretiker Martin Büsser gesendet, der vor einem Jahr an Krebs gestorben ist. Besonders schön: Ein Brief an den Sänger der Band &#8220;The Clash&#8221;, den Büsser nie abgeschickt hat. Die Schlussworte:</p>
<blockquote><p>&#8220;Ein Teil der Gruppe zu sein, heißt sich selbst zu verneinen… aber sobald man seinen Verstand gebraucht, braucht man keine Demo mehr – dann ist man die Demo… Stick the gun out of your mouth. Thanks and Goodbye.&#8221;</p></blockquote>
<p>Auf Büssers Beerdigung spielte eine befreundete Band &#8220;Steak for Chicken&#8221; von dem Moldy Peaches – das ich hier mal poste. Auch als Erinnerung an mich selbst: &#8220;We are not those kids… sitting on the couch!&#8221;</p>
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		<title>Das Ende der Widersprüchlichkeiten</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Nov 2011 22:30:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Haltung]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Licht]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Der Kapitalismus sorgt für mich&#8221;, hat Peter Licht der FAZ gesagt. Letztens sei ihm die Brille kaputt gegangen, und der Kapitalismus habe ihm eine neue besorgt. Weil Peter Licht trotzdem Lieder vom &#8220;Ende des Kapitalismus&#8221; singt, folgert die FAZ, dass er ein konservatives Moment zurück in den Pop bringe – die Einsicht, selbst Teil des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><object width="500" height="310"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/FnhmbkNLm68?version=3&amp;hl=de_DE" /><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><embed type="application/x-shockwave-flash" width="500" height="310" src="http://www.youtube.com/v/FnhmbkNLm68?version=3&amp;hl=de_DE" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object></p>
<p>&#8220;Der Kapitalismus sorgt für mich&#8221;, hat Peter Licht der <a title="Peter Licht in der FAZ" href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/pop/peterlichts-neue-cd-ueber-uns-woelbt-sich-der-warenhimmel-11509569.html" target="_blank">FAZ</a> gesagt. Letztens sei ihm die Brille kaputt gegangen, und der Kapitalismus habe ihm eine neue besorgt. Weil Peter Licht trotzdem Lieder vom &#8220;Ende des Kapitalismus&#8221; singt, folgert die FAZ, dass er ein konservatives Moment zurück in den Pop bringe – die Einsicht, selbst Teil des Systems zu sein. Statt Klarheit und Krawall gebe es Luhmann und Sloterdijk.</p>
<p>Nun ist von Sloterdijk ist auf dem neuen Album glücklicherweise herzlich wenig zu hören: Seine Rilke-Exegese &#8220;Du musst dein Leben ändern&#8221; wiederholt Peter Licht so oft, bis nur noch ein netter Singsang bleibt. „Nur welches Leben soll ich ändern, und welches  eben nicht“, fragt Peter Licht stattdessen zurück. Wie er überhaupt eine Menge  fragt. So bleibt die Frage: Mit was für einer Haltung haben wir es hier zu tun? Denn nichts anderes versucht Kunst, sie will eine Haltung zur Welt ausdrücken.</p>
<p><span id="more-1775"></span></p>
<h3><strong>Pop als Mogelpackung</strong></h3>
<p>Bei Peter Licht ist es naturgemäß schwierig mit Haltungen. Pop ist für ihn immer eine Mogelpackung, nur auf die richtige Verpackung komme es an, sagte er <a title="Peter Licht auf SPON" href="http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,795229,00.html" target="_blank">Spiegel Online</a>.  Auf der Verpackung steht dieses Mal „Das Ende der Beschwerde“ – doch auch das sei nicht wörtlich gemeint, das Album stelle lediglich den Versuch dar, die Beschwerden zu beenden.</p>
<p>Beim Hören erinnert man sich daran, dass kaum einer so schön Wörter aneinanderreihen kann dabei scheinbar immer   noch einen tieferen Sinnzusammenhang bestehen lassen kann: Von &#8220;Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute  nicht wären&#8221; (Das Ende der Beschwerde),  bis zu &#8220;Die Erfindung des  Systems ist die Erfindung der Flucht&#8221; (Fluchtstück) – schöner hat es Luhmann auch nicht gesagt.</p>
<h3><strong>Flüchtige Haltungen</strong></h3>
<p>Spätestens bei &#8220;Ich war im Begriff, im freien Fall  aufzusteigen und bin dabei, nach unten zu starten&#8221; (Steigen/Fallen) fragt man sich dann schon, was jenseits des Widerpruchs überhaupt noch  übrigbleibt. Macht Peter Licht vielleicht einfach die  perfekte Musik für  Menschen ist, die von ihrem iPhone twittern:  &#8220;Begrabt mein iPhone an der  Biegung des Flusses&#8221;? Anders gefragt: Wozu das alles, wenn  sich am Schluss eh nur wieder alles gegenseitig aufhebt?</p>
<p>Dabei ist &#8220;Das Ende der Beschwerde&#8221; ganz wörtlich gemeint ist: Lässt man all die Widersprüchlichkeiten beiseite – wen beschweren die nicht? –  bleiben zwei Aussagen übrig: &#8220;Das Hier ist da, wo die Träume enden, wo die Welt beginnt&#8221; (Meine Alten  Schuhe); vergesst die Utopien, kommt endlich hier an; Voraussetzung für die Flucht aus jedem System ist ein fester Ort, von dem aus man fliehen kann.</p>
<p>Und: &#8220;Diese Nacht sollten wir  bleiben und wir sollten uns halten&#8221; (Wir sollten uns Halten). Das ist vielleicht nicht viel gegen ein System voller Widersprüche. Vielleicht ist es ein Anfang. Anders hält man das hier gar nicht aus.</p>
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		<title>Das Geld und das Nichts</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Nov 2011 16:48:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Geld]]></category>
		<category><![CDATA[Georg Seeßlen]]></category>
		<category><![CDATA[Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sehnsucht]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Geld hat seinen Geruch verloren, sagt Georg Seeßlen in diesem kurzen Video. Einen Geruch, den jener Geldschein noch hatte, mit dem wir Essen gegangen oder ein konkretes Bedürfnis befriedigt hätten. Das Geld verschwinde immer mehr ins Virtuelle und verwandle sich in abstrakte Ziffern. Und da das Geld nicht mehr greifbar ist, bleibe auch die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><object width="500" height="284"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/J3HuseRdix4?version=3&amp;hl=de_DE"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/J3HuseRdix4?version=3&amp;hl=de_DE" type="application/x-shockwave-flash" width="500" height="284" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object></p>
<p>Das Geld hat seinen Geruch verloren, sagt Georg Seeßlen in diesem kurzen Video. Einen Geruch, den jener Geldschein noch hatte, mit dem wir Essen gegangen oder ein konkretes Bedürfnis befriedigt hätten. Das Geld verschwinde immer mehr ins Virtuelle und verwandle sich in abstrakte Ziffern. Und da das Geld nicht mehr greifbar ist, bleibe auch die so oft beschworene Revolte aus.</p>
<p>Zwar habe Marx den Fetischcharakter des Geldes noch erklären können. Doch seitdem das Geld nicht mehr konkret akkumulierte Arbeit verkörpere und stattdessen in einem virtuellen Raum in sich selbst kreist – wem solle man da überhaupt noch Geld wegnehmen? Das Geld hat keinen Ort mehr, sagt Seeßlen, es geht ins Nichts, und &#8220;wenn das Geld ins Nichts geht, dann gehen wir auch ins Nichts – das ist völlig klar.&#8221;</p>
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