We are not those kids…

Der Zündfunk hat am 15.10. eine Hommage an den Poptheoretiker Martin Büsser gesendet, der vor einem Jahr an Krebs gestorben ist. Besonders schön: Ein Brief an den Sänger der Band „The Clash“, den Büsser nie abgeschickt hat. Die Schlussworte:

„Ein Teil der Gruppe zu sein, heißt sich selbst zu verneinen… aber sobald man seinen Verstand gebraucht, braucht man keine Demo mehr – dann ist man die Demo… Stick the gun out of your mouth. Thanks and Goodbye.“

Auf Büssers Beerdigung spielte eine befreundete Band „Steak for Chicken“ von dem Moldy Peaches – das ich hier mal poste. Auch als Erinnerung an mich selbst: „We are not those kids… sitting on the couch!“

Das Ende der Widersprüchlichkeiten

„Der Kapitalismus sorgt für mich“, hat Peter Licht der FAZ gesagt. Letztens sei ihm die Brille kaputt gegangen, und der Kapitalismus habe ihm eine neue besorgt. Weil Peter Licht trotzdem Lieder vom „Ende des Kapitalismus“ singt, folgert die FAZ, dass er ein konservatives Moment zurück in den Pop bringe – die Einsicht, selbst Teil des Systems zu sein. Statt Klarheit und Krawall gebe es Luhmann und Sloterdijk.

Nun ist von Sloterdijk ist auf dem neuen Album glücklicherweise herzlich wenig zu hören: Seine Rilke-Exegese „Du musst dein Leben ändern“ wiederholt Peter Licht so oft, bis nur noch ein netter Singsang bleibt. „Nur welches Leben soll ich ändern, und welches eben nicht“, fragt Peter Licht stattdessen zurück. Wie er überhaupt eine Menge fragt. So bleibt die Frage: Mit was für einer Haltung haben wir es hier zu tun? Denn nichts anderes versucht Kunst, sie will eine Haltung zur Welt ausdrücken.

weiterlesen

Das Geld und das Nichts

Das Geld hat seinen Geruch verloren, sagt Georg Seeßlen in diesem kurzen Video. Einen Geruch, den jener Geldschein noch hatte, mit dem wir Essen gegangen oder ein konkretes Bedürfnis befriedigt hätten. Das Geld verschwinde immer mehr ins Virtuelle und verwandle sich in abstrakte Ziffern. Und da das Geld nicht mehr greifbar ist, bleibe auch die so oft beschworene Revolte aus.

Zwar habe Marx den Fetischcharakter des Geldes noch erklären können. Doch seitdem das Geld nicht mehr konkret akkumulierte Arbeit verkörpere und stattdessen in einem virtuellen Raum in sich selbst kreist – wem solle man da überhaupt noch Geld wegnehmen? Das Geld hat keinen Ort mehr, sagt Seeßlen, es geht ins Nichts, und „wenn das Geld ins Nichts geht, dann gehen wir auch ins Nichts – das ist völlig klar.“

Die Depression ist auch keine Lösung

„Eigentlich ist klar, dass hiernach nichts mehr kommen darf – das bleibt also unter uns“, sagte Andreas Spechtl beim letzten Ja, Panik-Konzert in Berlin noch ganz verschämt. Da hatte er gerade die letzten Worte des Depressions-Manifests DMD KIU LIDT ins Mikrofon gehaucht. Dann spielte er noch ein paar Zugaben.

Beim gestrigen Konzert war DMD KIU LIDT tatsächlich der letzte Song des Abends. Und trotzdem: Die wohl noch nie so schön besungene Depression ist auch keine Lösung (das war sie auch noch nie). Obwohl es bei Ja, Panik bisher hieß „I burnt the manifestos“ kann man ab sofort auf den Konzerten der Band das Büchlein „Ja, Panik: Schriften – Band 1“ erstehen. Darin: die gesammelten Kolumnen, Tourtagebücher und mehr (steht alles auch hier). Lesestoff also. Zu konsumieren in der Zeit, in der einen das doofe System wieder einmal ausgeknockt hat.

„Die kommende Gemeinschaft liegt hinter unseren Depressionen“ heißt also nicht, dass man die Welt verändern kann, indem man einfach abtaucht. Im Gegenteil: Erst im Bett, im Zelt auf öffentlichen Plätzen und überall dort, wo Menschen feststellen, „dass es um mehr als die eigenen paar Problems geht“ (DMD KIU LIDT) – erst da kann die Suche nach dem Anderen überhaupt erst beginnen. Nicht einmal in Ruhe depressiv sein darf man also noch. Aber so viel Spaß hat das ohnehin nie gemacht.

Empört in Berlin

An den Reaktion auf „Occupy Wallstreet“ und die deutschen Ableger konnte man wieder einmal schön das linke Meinungsspektrum vermessen: Während sich die Jungle World noch nicht sicher war, was sie von den Protesten zu halten hat, wusste es die konkret sofort – nämlich nichts: „Wieder mal geht die Post ab, und wieder mal ist KONKRET nicht auf dem Trittbrett … Es war der berühmte Surrealist Klaus Ernst, der über den Klamauk das erlösende Verdikt sprach: ‚Das ist ein Aufstand der Anständigen.‘ Und wer möchte zu denen schon gehören.“

Man muss dieses Urteil nicht teilen, um trotzdem hin und hergerissen zu sein. Zumindest ging es mir so, während ich das Geschehen in Berlin für diesen Fotofilm begleitet habe. Da wird tatsächlich viel Enthusiasmus in die Wagschale geworfen. Dafür, dass es gerade erst damit losgeht, eine gemeinsame Sprache zu finden. Wir haben den Film in Schwarz-Weiß gehalten, um das Pathos ein wenig zu brechen.

Rückblickend habe ich unterschätzt, wie schwierig es ist, eine Geschichte nur mit O-Tönen zu erzählen. Jeder erklärende Nebensatz führt da schon zu weit weg. Und so bin ich wohl ein wenig an der Aufgabe gescheitert, ein inhaltsstarkes Stück über einen (noch?) inhaltlich-diffusen Protest zu machen.

weiterlesen

Deutsch in Kaltland

Kuscheln mit Teddy hilft fast immer – wenn Adorno so über die zwischenmenschliche Kälte redet, wird es einem schon fast wieder warm. Weil wieder klar wird, dass das Problem eben nicht bei einem alleine liegt.

Nun sind zur Zeit jede Menge Menschen auf den Straßen. Ich habe in den vergangen Tagen ein paar jener Menschen begleitet, die in Berlin „echte Demokratie“ fordern – auch heute zum Bundestag. Und erst dabei ist mir klar geworden, worum es ihnen wirklich geht: nicht um Positionen, Programme, Alternativen – sondern erst einmal darum, die Kälte zwischen uns „konkurrierenden Monaden“ (Teddy) zu überwinden. Wir sollen uns wieder trauen, in die Augen zu schauen und im öffentlichen Raum über Dinge reden, mit denen wir uns kaum mehr beschäftigt haben.

weiterlesen

„Es hätte so schön sein können“

Zeichnung: Björn

Nach Inception haben wir es endlich wieder mal geschafft, zusammen ins Kino zu gehen – und zwar in „Melancholia“. Zwei Briefe an Lars von Trier.

Lieber Lars,

ich hoffe, es geht dir gut. Hast du dich von deinen Anfeindungen erholt?

Ich habe unlängst „Drive“ von deinem Landsmann Nikolas Windig Refn gesehen. Ein Meisterwerk. Wunderschöne Bilder. Eine Kameraführung, die ihres gleichen sucht. Ganz fantastisch auch die 80er Musik und der eingebettete Score von Angelo Badalamenti. Alles ist stimmig, das Tempo, das Casting – darunter Ryan Gosling und Albert Brooks – einfach großartig. Carey Mulligan als alleinerziehende Mutter, hin und her gerissen zwischen ihrem Mann, der gerade aus dem Knast kommt, und dem Driver, spielt phänomenal – wie in „Never Let Me Go“ von Mark Romanek.

„Drive“ ist ein Actiondrama, bei welchem sehr schnell klar ist, dass alles den Bach runtergeht. Trotz dieser Erkenntnis in der Mitte des Films will man immer weiter. Dieser Film fesselt. Es ist also ob man selbst ins offene Messer rennt, aber es gibt keinen Weg zurück. Man fiebert mit dem Hauptdarsteller mit – bis zum bitteren Ende. Ganz großes Kino!

weiterlesen

Selbst schuld

Herbstliche Animation, angelehnt an den Roman „Der Fall“ von Albert Camus. Das Buch ist eine Art Lebensbeichte des Richters Jean-Baptiste Clamence. Und wie das nach dem Tod Gottes et al. und im Zeitalter der individuellen Freiheit halt so ist, scheint als Schuldige(r) in den ständigen Prozessen des Gewissens stets nur eine(r) übrig zu bleiben. (via)

Das neue Facebook: Waffe gegen den Selbstzweifel

Vor ein paar Tagen habe ich die neue Facebook-Timeline freigeschaltet. Das ist schon nett, so durch die vergangenen Jahre zu scrollen. Meinen ersten Eintrag schrieb ich im März 2008: „is at the bar“. Und kurz darauf: „is finally working on a pathetic online existence.“ Diese Arbeit geht wohl noch eine Weile weiter. Für die taz habe ich mal aufgeschrieben, warum wir diese Arbeit überhaupt auf uns nehmen, warum trotz der Kritik an Facebook und anderen Web-Oligarchen immer noch so viele Menschen scheinbar so sorglos mit ihren Daten umgehen.

Ich glaube, es handelt sich dabei um ein Tauschgeschäft. Facebooks Geschäftsmodell besteht aus einer mächtigen Illusion, die da lautet: Tausche deine Daten gegen ein „schönes Leben“. Im Grunde schließt der Text an den schon einmal von mir gemachten Versuch an, Profilbildung im Netz in erster Linie als Versuch zu verstehen, die eigenen Zweifelspiralen zu überwinden (siehe hier und hier). Der Text kommt nach dem Klick.

weiterlesen

Botschaften wieder sichtbar machen

Ich finde ja nicht einmal, dass der Berliner Wahlkampf inhaltsleerer ist als andere Wahlkämpfe. Und die beste Strategie eines Amtsinhabers war es schon immer, Themen möglichst aus dem Weg zu gehen. Was man aber in Berlin derzeit sehen kann ist, dass es mittlerweile sogar subversiver Akte bedarf, um inhaltliche Botschaften (welcher Art auch immer) überhaupt erst wieder sichtbar zu machen.

Das vesuchen zumindest ein paar Berliner Adbuster gerade. Meine liebe Kollegin Lena Kampf hat sie für die taz am Freitag Abend bei ihrem letzten Streifzug vor der Wahl begleitet.

weiterlesen