Tag ‘Musik’

Das Ende der Widersprüchlichkeiten

„Der Kapitalismus sorgt für mich“, hat Peter Licht der FAZ gesagt. Letztens sei ihm die Brille kaputt gegangen, und der Kapitalismus habe ihm eine neue besorgt. Weil Peter Licht trotzdem Lieder vom „Ende des Kapitalismus“ singt, folgert die FAZ, dass er ein konservatives Moment zurück in den Pop bringe – die Einsicht, selbst Teil des Systems zu sein. Statt Klarheit und Krawall gebe es Luhmann und Sloterdijk.

Nun ist von Sloterdijk ist auf dem neuen Album glücklicherweise herzlich wenig zu hören: Seine Rilke-Exegese „Du musst dein Leben ändern“ wiederholt Peter Licht so oft, bis nur noch ein netter Singsang bleibt. „Nur welches Leben soll ich ändern, und welches eben nicht“, fragt Peter Licht stattdessen zurück. Wie er überhaupt eine Menge fragt. So bleibt die Frage: Mit was für einer Haltung haben wir es hier zu tun? Denn nichts anderes versucht Kunst, sie will eine Haltung zur Welt ausdrücken.

weiterlesen

Die Depression ist auch keine Lösung

„Eigentlich ist klar, dass hiernach nichts mehr kommen darf – das bleibt also unter uns“, sagte Andreas Spechtl beim letzten Ja, Panik-Konzert in Berlin noch ganz verschämt. Da hatte er gerade die letzten Worte des Depressions-Manifests DMD KIU LIDT ins Mikrofon gehaucht. Dann spielte er noch ein paar Zugaben.

Beim gestrigen Konzert war DMD KIU LIDT tatsächlich der letzte Song des Abends. Und trotzdem: Die wohl noch nie so schön besungene Depression ist auch keine Lösung (das war sie auch noch nie). Obwohl es bei Ja, Panik bisher hieß „I burnt the manifestos“ kann man ab sofort auf den Konzerten der Band das Büchlein „Ja, Panik: Schriften – Band 1“ erstehen. Darin: die gesammelten Kolumnen, Tourtagebücher und mehr (steht alles auch hier). Lesestoff also. Zu konsumieren in der Zeit, in der einen das doofe System wieder einmal ausgeknockt hat.

„Die kommende Gemeinschaft liegt hinter unseren Depressionen“ heißt also nicht, dass man die Welt verändern kann, indem man einfach abtaucht. Im Gegenteil: Erst im Bett, im Zelt auf öffentlichen Plätzen und überall dort, wo Menschen feststellen, „dass es um mehr als die eigenen paar Problems geht“ (DMD KIU LIDT) – erst da kann die Suche nach dem Anderen überhaupt erst beginnen. Nicht einmal in Ruhe depressiv sein darf man also noch. Aber so viel Spaß hat das ohnehin nie gemacht.

Drug Me

Ich bin kein Fan von diesen Talkshows. Auch diese hätte zehnmal interessanter sein können. Immerhin ist Jello Biafra zu Gast. Drüben auf Dangerous Minds heißt es zur Sendung: „He has stayed true to his core beliefs while many aging punks have sold out and played it safe.“ Das meine ich nicht einmal. Punk hin oder her – Jello Biafra hat einfach immer weitergemacht. Und auf die Frage, wie lange er das noch tun will – warum er sich immer wieder in die gleichen politischen Themen wirft, obwohl sich doch nie etwas zu ändern scheint – sagt er:

Look, you are getting your hearts broken again. But does that mean we give up now and just update our facebook every day and call it a life? Or do we either choose to get louder because this time it might get through?

weiterlesen

Protestsongs? Ja, Depression

Die Spex sucht verzweifelt nach neuen Protestsongs. Dabei hat die Band Ja, Panik gerade eine ganze CD mit ihnen aufgenommen.

Das schöne an der Band Ja, Panik ist ja, dass man sie ernst nehmen kann. Zumindest seit sie nicht mehr ständig den Exzess als Ausweg aus der postmodernen Langeweile besingt: In dem verschwurbelten Prolog zu Alles hin, hin, hin, eine Art verspätete Begründung für den eigenen Bandnamen, hieß es vor zwei Jahren: „Den Prozess der Kybernetisierug aufzuhalten und das Empire zu stürzen, verläuft über eine Öffnung für die Panik.“ Die Panik hat etwas befreiendes. Ganz im Gegensatz zur Angst. Angst blockiert, sie ist handlungshemmend, sie verändert nichts, sie vermeidet. Wer aber der Panik des öfteren begegnet, der wird versuchen, sein Leben zu ändern. So die Theorie.

Jetzt ist das neue Album erschienen, es heißt DMD KIU LIDT. Darauf wird viel gesprochen, geflüstert und geschrien – ein permanenter Mix aus deutsch und englisch mit gelegentlichem wienerischen Einschlag. Ja, Panik sind ruhiger geworden, ihre Lieder heißen jetzt This Ship Ought to Sink oder Suicide. „I didn’t burn my guitar, but yes I burnt the manifestos“, singt Andreas Spechtl in The Horror – dabei schreibt er die ganze Zeit Manifeste, vor allem für den österreichischen Radiosender fm4: „Vom Überleben in der Metropole“ heißt die Serie, in der er immer wieder Textpassagen des Albums aufgreift.

weiterlesen

„I was chewing chewing gum“

Schönes Fan-Video zu Herman Düne’s „When we were still friends“. (via)

Wir sind müde

Alles geben, trotz der Müdigkeit. Zum Geburtstag von Rio Reiser (9.1.50 – 20.8.96).

Fifteen Feet of Pure White Snow

(Danke Ariane!)

Slime-Reunion: Kein Iro, nirgends

Foto: Libertinus, Lizenz: by-sa

Die Neunziger waren keine gute Zeit, um Punk zu werden. Alles schien ganz ok, und alte Helden, wie die Band Vorkriegsjugend, allein wegen des Namens nicht mehr in die Zeit zu passen: Denn keiner hatte mehr Angst vor einem Krieg. Und niemand wusste mehr so richtig, wofür oder wogegen man jetzt konkret noch sein könnte. Unpolitisch sein galt auf einmal als coole Haltung – Oi!. Und dass es nun vor allem Kinder waren, die mit ihren „Punks not dead“ T-Shirt die Bahnhöfe bevölkerten, veranschaulichte nur den Ernst der Lage.

Auch ich hatte so ein T-Shirt. Als sich Slime 1994 aufgelöst haben, war ich zwölf Jahre alt. Eigentlich entstand meine ganze Welt erst durch ihre CDs. Wegen Slime schaute ich nach, was „Yankees“ sind. Und vor allem wusste ich irgendwann, was mit Deutschland alles nicht stimmt. Ihre Platten waren unsere Grundausbildung. Wehe, man kannte einen Song nicht. Was ein Pseudo. Das dachten dann sogar wir, in unseren „Punks not dead“-Shirts. Schnell wurde uns damals klar, dass unsere Welt immer noch ein Alptraum ist, auch wenn das Lied dazu aus dem letzten Jahrzehnt kommt. Und wenn man nur laut genug aufdreht, dann kann man zu dem Alptraum sogar tanzen.

weiterlesen

„We all want to change the world“

… oder „Fuck the world“? In dem Video dauert es gerade mal zwei Minuten, bis der eine Schriftzug den anderen ablöst. Die meiste Zeit oszilliert man wohl irgendwie zwischen den beiden Polen hin und her. Elliott Smith hat einem immer versichert, dass das ok ist; dass es ok ist, nicht „Oh Well, Ok“ zu sagen. Er starb heute vor sieben Jahren.

The Social Network: I wish I was special

Creep – wohl kein Song ist besser geeignet als Soundtrack zu David Finchers Facebook-Hommage The Social Network. Neben den zahlreichen Trailer-Parodien, hier ein alternativer Film von Dashock07:

A vision of the brutality of imposed conformity in the computer age. Faceless inhabitants of this carefully engineered reality type their lives away in endless rows of zeros and ones. When the number four unexpectedly infiltrates one computer, the system soon proves to be less airtight than intended. This call for individuality and self-expression leads to confusion and trauma, unleashing the protagonist into a liberating, yet painful, creative experience.

prev posts