Tag ‘was tun?’

Occupy Melville

Ob in Moby Dick, Bartleby oder Billy Budd – immer fragt Herman Melville nach den Handlungsmöglichkeiten in der totalen Gesellschaft. Welches Modell brauchen wir heute?

Als die Berliner Volksbühne jüngst eine Moby-Dick-Nacht veranstaltete, interessierte das kein Schwein. Dabei war viel geboten: Es gab einen Vorlesemarathon, im Hintergrund lief die Film-Adaption von John Houston, im Foyer und in den Gängen des Theaters vermischten sich Gelehrten-Kommentare und Interpretationen mit E-Gitarren. Sie war ein lauter, aber auch ein liebloser und leerer Walfänger, diese Volksbühne. Als könne zum 160. Geburtstag des Romans keiner mehr was mit Moby Dick anfangen.

„Es ist nur ein Wal“, sagt auch Kapitän Ahab aka William Hurt in der Neu-Verfilmung, die RTL kürzlich ausstrahlte. Alles, was hier vom metaphysisch aufgeladenen Schinken bleibt, ist das Abenteuer eines naiv-glotzenden Jünglings namens Ismael. Wobei – wen interessieren auch Hunderte von Seiten über Schiffsknoten und Walfanggeschichte? Wer wollte das lesen oder gar anschauen?

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Žižek an der FU: „Ich setz mich lieber an den Rand“

Mit Žižek ist wie mit jedem anderen Phänomen, das man mal ganz interssant fand: Irgendwann nervt es einen. Ich bin trotzdem noch einmal hin, am Donnerstag Abend. Da redete Žižek an der FU-Berlin. Alles war voll, hinter mir Genuschel: „Hast du ihn schon mal gehört?“ – „Nicht live.“ Zwischenrufe und leise Buh-Rufe trafen die Vorredner, angespannte Stille dagegen beim Vortrag von Žižek – „Is it Still Possible to be a Hegelian Today?“ lautete der Titel.

Ja, möchte man sofort antworten, es scheint noch eine Menge von ihnen zu geben. Der Hegelianer macht Krisen zu Chancen: Die Finanzkrise ist für ihn Vorbote einer neuen Weltwirtschaftsordnung, die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko Signal für die Befreiung vom Öl, und Fukushima das Ende des Atomzeitalters. Die Aufstände in der arabischen Welt müssen sowieso Zeichen des vernünftigen Fortschreiten der Weltgeschichte sein, in Libyen sollte man da gar nicht mehr nachhelfen, die „List der Vernunft“ werde es schon richten. Gegen diese falsch verstandene „List der Vernunft“ redete Žižek in seinem Vortrag an.

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„Haben wir nicht soviel Wein getrunken?“

Auf die Gefahr hin, dass ich bald nur noch Videos poste: Der australische Kurzfilm Two Men basiert auf Kafkas Betrachtung Die Vorüberlaufenden und stellt die Frage „was tun, wenn…“. In Franz – „Mein Leben ist das Zögern vor der Geburt“ – Kafkas Version liest sich das ganze natürlich noch ein wenig zögerlicher, und zwar so:

„Wenn man in der Nacht durch eine Gasse spazieren geht, und ein Mann, von weitem schon sichtbar – denn die Gasse vor uns steigt an und es ist Vollmond – uns entgegenläuft, so werden wir ihn nicht anpacken, selbst wenn er schwach und zerlumpt ist, selbst wenn jemand hinter ihm läuft und schreit, sondern wir werden ihn weiter laufen lassen.

Denn es ist Nacht, und wir können nicht dafür, daß die Gasse im Vollmond vor uns aufsteigt, und überdies, vielleicht haben die zwei die Hetze zu ihrer Unterhaltung veranstaltet, vielleicht verfolgen beide einen dritten, vielleicht wird der erste unschuldig verfolgt, vielleicht will der zweite morden, und wir würden Mitschuldige des Mordes, vielleicht wissen die zwei nichts von einander, und es läuft nur jeder auf eigene Verantwortung in sein Bett, vielleicht sind es Nachtwandler, vielleicht hat der erste Waffen.

Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht soviel Wein getrunken? Wir sind froh, daß wir auch den zweiten nicht mehr sehn.“

Der Film ist via hier. Hier gibt es noch eine Illustration zum Text.

„We are the ones, we’ve been waiting for“

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Drei Tage lang hat die Berliner Volksbühne die „Idee des Kommunismus“ beherbergt. Die Philosophen Alain Badiou und Slavoj Žižek hatten zur Konferenz geladen und wollten den „Begriff des Kommunismus neu und in seiner ganzen Bedeutungsvielfalt“ denken. Antonio Negri war da, Performance-Künstler, Installationen und Filme sollten das Thema „ästhetisch beleuchten“. Volksbühnen-Intendant Frank Castorf zeigte Bertolt Brechts Lehrstück.

Ich habe beim Freitag über jeden Tag berichtet (Tag 1, Tag 2, Tag 3), hier nur eine kurze Zusammenfassung. Und die kurze Geschichte hinter diesem Stern. Das vortragende Trio aus Polen präsentierte ihn als neues Symbol für eine kommende Bewegung. Einen Stern mit verschiedenen Farben – eine „Gemeinschaft der Singularitäten“. Dazu eine offene Zacke, den „leeren Signifikanten“ für das kommende Projekt. Alle freuten sich über die Idee und das neue Symbol. Außer Žižek. Der Stern sei nichts weiter als das Symbol für die Demokratie, die auf so einem leeren Signifikanten beruhe. Alle könnten sich auf so einen Stern einigen, sogar der Papst. So ein enthusiastischer Moment sei zwar schön, mehr aber auch nicht. Wäre ja auch zu einfach gewesen.

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Digital Activism: Die verschlüsselte Revolution

Foto: marco papapopulus, Lizenz: by-nc-nd

Abbildung: marco papapopulus, Lizenz: by-nc-nd

Endlich sprechen alle dieselbe Sprache. Eine Sprache aus Nullen und Einsen: der „digitale Code“ ist überall der gleiche – im Iran, den USA oder auf den Philippinen. Ein Internet-Zugang ist alles, was man braucht, um sich einzuklinken. Und trotzdem verstehen sich die Menschen nicht.

Bestes Beispiel hierfür sind die Unterhaltungen zwischen dem New-Yorker Medien-Forscher Clay Shirky und dem weißrussischen Journalisten und Blogger Evgeny Morozov. Zum Beispiel über die Rolle des Internets im Iran: Das Netz verschaffe endlich denen Gehör, die bisher vom politischen Prozess ausgeschlossen waren, die Revolution sei nahe, meint Shirky. „Ja, nur noch 20 Tweets“, kommentiert höhnisch Morozov und erklärt, wie das Regime in Teheran die neuen Kommunikationskanäle nutzt, um Gegner noch effektiver zu verfolgen.

„Digital Acitivism“ ist zum Schlagwort für alle Aktionen geworden, die sich einer digitalen Struktur bedienen, um soziale und politische Änderungen zu bewirken. In dem Buch Digital Activism Decoded – The new mechanics of change (hier als pdf) wird jetzt erstmals versucht, diese Phänomene genauso zu fassen. Im faustischen Sinne fragt Herausgeberin Mary Jones, Pionierin und Botschafterin der digitalen Aktion, was die (digitale) Welt im Innersten zusammenhält.

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Wenn Deutschland dicht ist, hilft nur die Liebe

Bild: Christopher Tauber (piwi)

Dietmar Dath schreibt viel. Zuviel, findet die taz und hat ihm letzten Monat empfohlen, ein bisschen weniger Geschichten aus dem „Dath-Kontinuum“ auf den Markt zu werfen. Da hatte Dath gerade eine Rosa-Luxemburg-Biographie und das „politische Bilderbuch“ Deutschland macht dicht veröffentlicht. Das kommt mit jeder Menge Illustrationen und ist so viel leichter bekömmlich als die wundersame Dystopie Die Abschaffung der Arten vor zwei Jahren. Schöner kann es im Dath-Kontinuum eigentlich nicht mehr werden.

Deutschland macht dicht spielt in Frankfurt. Da lebt Hendrik. Hendrik schaut immer ein bisschen traurig. Doch in Frankfurt und Deutschland ist alles irgendwie traurig. Menschen demonstrieren, aber sie wissen nicht mehr wofür. Der „älteste Kommunist Deutschlands“ sitzt in seinem Keller, „fest eingewickelt in seine Melancholie“, und wünscht sich, er sei in einer anderen Welt. Oder zumindest, dass endlich etwas passiert. „Zuspätkommunist“, wie er von Rosalie genannt wird. weiterlesen

Adornos Angst vor Žižek

Zeichnung: Björn

Zeichnung: Björn

„Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung…“ – „Mir nicht.“ So beginnt das berühmte Spiegel-Interview „Keine Angst vor dem Elfenbeiturm“ von 1969, indem Adorno begründet, warum er in jenen turbulenten Zeiten lieber ganz auf die verändernde Kraft der Theorie setzt.

Seitdem ist viel geschrieben worden über die Frage, ob man überhaupt noch etwas tun kann, sofern man sich nicht die Hände an jenem „Falschen“, dem alles bestimmenden Kapitalismus, schmutzig machen will. Lange schien der Rückzug in den Elfenbeinturm die tragische Konsequenz der kritischen Theorie zu sein. Der Jazz-Hasser Adorno als Komponist filigraner Zwölftonmusik – so das oft bemühte Bild für die Weltflucht eines Intellektuellen in seine ästhetische Theorie.

Das das nicht alles sein kann, war immer irgendwie klar. Verständlich wird dieses Geflecht aus Theorie und Praxis jedoch erst, wenn man es mit den letzten Schriften von Slavoj Žižek entwirrt. Denn nur auf den ersten Blick haben der stets traurig schauende Theodor „Teddy“ W. Adorno und der bekennende Neurotiker Slavoj Žižek nichts gemein. Hier habe ich einen Artikel über beide und die Frage „was tun?“ geschrieben.